Der Pool ist Projektion

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In der Physik gibt es die Theorie, dass wir nur zweidimensional auf einer Projektionsfläche über einem gewaltigen Energiesog existieren, auch schwarzes Loch genannt. Nun, das klingt ziemlich abgefahren matrixmäßig und irgendwie negativ, weil wer will schon seine lieb gewonnenen dreidimensionalen Gewohnheiten wie trinken, essen und so … aufgeben zugunsten eines Dummies aus bloßem Licht. Ich nehme an es ist eine Minderheitenmeinung. Was nicht heißt, dass sie nicht zutreffen könnte. Man müsste dann über vieles neu nachdenken, vor allem über den eigenen Horizont.

Zaun1Sogar in Matrix gibt es eine reale normale dreidimensionale Welt. Die ist zwar total kaputt und weit im Erdgestein wegen der tödlichen Strahlung und wegen der Maschinen, die alles zerstören, aber sie ist warm, menschlich und erdig, hat Substanz, Staub, den man aus den Kleidern klopft. Der Vorteil von Projektion ist, dass sie relativ ist so wie Zeit und Raum. Sie passt sich an – zum Beispiel an völlig unrealistische Wünsche. Sie baut dir aus deiner sandförmigen Fantasie ein festes Gebäude mit einer Küche, Wohnzimmer mit Sesseln und einem Pool im Garten. Es haben nur noch nicht alle Menschen herausgefunden wie das geht. Einige schon, die haben einen Pool, die meisten aber nicht. Wahrscheinlich hat es wieder etwas mit Geld zu tun. Das muss ein weiteres physikalisches Gesetz sein: Ab einer bestimmten Menge verfügbaren Geldes kann ich mir einen Pool projizieren. Einige Theoretiker haben das Kapitalismus genannt, doch das könnte eine Falle sein, weil es sich auch damit um eine raffinierte Leinwand, also eine simple Projektionsfläche handelt.

Zaun2In meiner Nachbarschaft, die aufgrund der Nähe zum Rhein schöne Häuser und gepflegte Gärten ihr Eigen nennt, gibt es keine Swimmingpools. Die würde ich von meiner Dachterrasse sehen. Ich sehe und höre meistens aber Rasenmäher, Trimmer oder Laubsauger, kein Geplätscher. Nur Hundegebell oder Gelächter. Vielleicht handelt es sich um eine kapitalismuskritische Zone, in der gesunde Skeptiker wohnen, die lediglich den Grund innerhalb ihres Zauns zähmen und die eine solide Gleichgültigkeit gegenüber privaten Schwimmbädern hegen. Da ich einige von ihnen ganz gut kenne, schätze ich das so ein: Es kommt genug Wasser den Rhein runter und die ständige Gefahr einer Überflutung fließt garantiert nicht in den Wunsch, sich im Garten noch ein zusätzliches Becken zu buddeln.

Aufstieg und Fall, epic

Was mir hier auf der Erde immer wie eine Katastrophe vorkommt ist im universellen Sinn der ganz normale Lauf der Dinge: Ein Stern steigt auf, brennt, verglüht. Ein Planet wird geboren, dreht seine Runden, vereist, vertrocknet oder verglüht mit dem Stern. Das geht alles sehr langsam und im irdischen Sinne liegt die Katastrophe natürlich im schnellen Aufstieg, dem der Fall immer schon innewohnt. Das gilt sowohl für die Besteigung des Mount Everest als auch für eine Banker-Karriere. Ich bewundere Reinhold Messner (der ist ja im Vergleich zu vielen anderen Bergsteigern glücklicherweise nie abgestürzt oder höchstens ein bisschen) und einer meiner besten Freunde ist ein Ex-Banker.

Grundsätzlich kommt vor dem Fall mein menschliches Versagen, auch wenn ich den Maschinen oder dem Schicksal die Schuld gebe. Ich stehe besonders blöd da, wenn ich vergessen habe Distanz zu meinem Eifer, zu meinem Ehrgeiz und zu meiner Anstrengung zu halten und mir jegliche Selbstironie abgeht. Aber sei mal am Ende deiner Kräfte und lache über dich. Einfach ist das nicht. Es lacht auch niemand mit dir. Manche sind beleidigt, andere schadenfroh. An einer Niederlage will niemand teilhaben.

Gut, dass es zumindest etwas Trost und geteilte Erfahrung gibt. Es geht auf- und wieder abwärts. Unten ist das Tal der Mühen und dann kommen die Mühen am Berg. Ein schöner Augenblick ist oben auf dem Gipfel (Aussichtsplattform, Helilandeplatz) zu stehen und sich umzuschauen. Weitblick. Höhenkoller. Manche mögen auch den Schweiß des Aufstiegs. Den Fall mag niemand, er ist unkontrolliert und sieht in keinem Fall elegant aus, fühlt sich auch nicht so an. Kontrolliert absteigen macht andererseits keinen Spaß, woher weiß ich was ich aushalte, wenn ich zu vorsichtig bin?

Also geht es nur in diesem rumpeligen Trott und wenn ich ehrlich bin, liebe ich die Schrammen, Kratzer und Narben, die ich bisher davongetragen habe. Ich zeige sie nicht auf jeder Party, aber mein inneres Auge verrät mir, wer auch welche hat. Wir heben dann in stillem Einverständnis unser Glas und heißen den nächsten Fall willkommen. Wo ich zurzeit stehe? Irgendwo am Berg.