Winken wie die Queen

Queen of England Portrait

Der Nachmittag flimmert in den Abend. Wir atmen Mückenschwärme ein, verscheuchen wilde Wespen, sehen Kakerlaken am Hausputz knabbern und Fliegen fliegen. Das faulige Obst tropft süß auf den Boden. Der Spätsommer kocht saftige Suppe und presst das Leben aus den Leibern. Wir lecken es auf. Ein Überfluss an Süßem. Das Zuviel an Zucker, das sich in Fett wandelt für den Winter. Fette Welt.

Auf der anderen Straßenseite magere Welt. Dürre im Vorgarten. Gibt es hier kein Wasser oder wer kümmert sich eigentlich? Habe ich einen Garten, dann muss ich auch gießen. Ein Zettel im Briefkasten von der besorgten Nachbarschaft. Worum sorgt sie sich? Dass die Dürre doof aussieht oder dass ein Mangel herrscht? Zwischen den Zeilen ist das Doofe. Es ist doch nur ein Vorgarten, ein Stück Land an der Straße. Der richtige Garten ist hinten mit Tomaten, Stangenbohnen und Zwiebeln. Die werden gegossen und gegessen. Von einer Familie, die sich nicht um den Vorgarten oder um ihr Ansehen schert. Aber arglos ist hier niemand. Immer liegt etwas Uneinschätzbares, tendenziell Bedrohliches in der Luft.

Unsere zwei Welten werden nur von einer Straße getrennt. Wir winken manchmal hinüber, aber nie winkt jemand zurück. Wir blicken mit dem, sie gegen das Licht. Vielleicht sehen sie uns gar nicht. Wir winken nicht aus niedrigen Beweggründen oder unseres Gewissens wegen. Wir wollen auch kein Gemüse. Unser Winken ist nur eine Kontaktaufnahme. Oder ein Abstandhalten. So könnte man das auch sehen. Winken wie die Queen.

 

Das Richtige tun

Doing the Right Thing

Tu es! schreit mein Gehirn. Oh look, mein Gehirn, das habe ich ja schon lange nicht mehr gehört. Wo warst du? frage ich fast sehnsüchtig. Es war im ontologischen Raum gefangen, hat sinnlose Sinnfragen gestellt und Zeit verschwendet. Zögernd wende ich ein, Zeit kann nicht verschwendet werden, sie vergeht einfach, so oder so. Ich finde es gut, dass die Zeit vergeht. Sie tut es einfach und die Menschen, denen Zeit so wichtig ist, wehklagen und stöhnen ob Ihrer Vergänglichkeit. Ich nicht. Nach meiner Meinung kann Zeit nicht schnell genug vergehen. Schnell durch die irdische Scheiße. Dann wieder reine Materie sein ohne diese falsche Bescheidenheit oder das Charitygedöns gegenüber Flüchtlingen oder Mitleid mit dem Flüchtigen.

Tu was? frage ich zurück. Na das Richtige! blafft es. Ich hatte es glatt vergessen, mein Gehirn. Es ist ja eigentlich das Einzige, das mir widerspricht, oder? Anfangs ärgerlich, dann befriedigt ziehe ich einen Mehrwert aus dem Widerspruch. Mein Gehirn ist kein Ja-Sager. Ich bin wirklich glücklich darüber. So ein kleines widerspenstiges Gekräusel, das sich querstellt, wenn ich denke. Eine virtuelle Geschwulst. Wäre sie echt, hätte ich vielleicht Schmerzen und/oder nicht mehr lange zu leben. Dann würde ich mich damit auseinandersetzen müssen, wie ich es meinen Kindern sage. Das wäre das Schwierigste. Ich könnte ihnen sagen, dass mich der Tod nicht schreckt. Aber das wäre schwer für sie zu verstehen. Sie sind so jung und auch wenn ich nicht alt bin oder mich alt fühle, für mich ist der Tod eine Option. Immer gewesen. Bei allem, was ich tue und wenn mein Gehirn schreit: Tu es nicht! Bei starkem Wind an der Kante eines Abgrunds stehen zum Beispiel.

Tu es! brüllt es jetzt. Ja was denn? gelle ich zurück. Warum geht es so hart mit mir ins Gericht? Was will es von mir? Tu das Richtige! schreit es. Was ist das Richtige? Diese Frage wird mir mein Gehirn nicht beantworten. Es hat ein Stadium erreicht, in dem es die Entscheidungen mir überlässt. Es hat sich emanzipiert. Das weiß ich zu schätzen, denn so ein Reinreden aus Prinzip ist nervig. Immer gewesen. Wenn es sich jetzt so vehement meldet, muss ich tierisch etwas versemmeln. So würde mein Sohn sagen: versemmeln. Versemmeln heißt: Nicht das Richtige tun.

Das Richtige ist greifbar nah. Es steht vor mir und lacht. Es lacht mich aus, weil ich es nicht gleich sehe. Durch es hindurch sehe. Ich sehe durch das Richtige das Falsche. Das Falsche scheint das Richtige, bis das Richtige einen Schritt zur Seite macht und ich das Falsche erkenne. Das Falsche sieht nicht echt aus. Daran erkenne ich es und lasse es links liegen. Dann wende ich mich dem Richtigen zu.

So einfach kann es sein.