Holunderherz

Holunder am 07-06-2015
sambuca nigra

Die Sehnsucht ist nur noch ein Strich. War lange eine Wand, dann ein Sandsack, auf den ich eingeschlagen habe. Der Strich verblasst auch so langsam. Jeden Tag zeichne ich ihn nach, doch die Sonne bleicht schneller. Sie wird meine Sehnsucht verschlingen und ich werde mir eine neue suchen.

Denn wenn die eine verschwindet, brauche ich eine andere. Dieses Mal ist es kompliziert, weil die Sehnsucht meine Hoffnung im Schlepptau hat. Sie fährt voll auf verblassen ab. Von wegen die Hoffnung stirbt zuletzt. Ihr Verschwinden schmerzt wie ein Schlangenbiss.

Mein Rücken am Holunder. Knorriges warmes Holz. Es knarzt im Wind und ich flüstere „stärke mein Herz.“ Herber Duft steigt auf. Im Topf wird er süß. Ich koche die Blüten und fülle das Gold in Gläser. Die Sonne macht Honig daraus.

Über die Welt hin … ziehen die Wolken.

Grün durch die Wälder
fließt
ihr Licht.

Herz, vergiss!

In
stiller Sonne
webt lindenster Zauber,
unter werdenden Blumen blüht tausend
Trost.

Vergiss! Vergiss!

Aus fernem Grund pfeift, horch, ein Vogel.
Er
singt sein Lied.

Das
Lied … vom
Glück!

(Leidlösendes Trio, Arno Holz 1924)

Beschreibe Begierde

Beschreibe Begierde sagt Anna. Begierde oder Begehren frage ich. Egal. Warum brauchst du eine Beschreibung, willst du ein Gefühl identifizieren? Ja komm, stell sie mir an die Wand, ich bin hinter dem Spiegel und werde erkennen, welches das Richtige ist. Bitte.

Xenia Hausner: TOD MÄDCHEN
Xenia Hausner: TOD MÄDCHEN

Scheint ein dringender Fall zu sein. Ich weiß nicht worauf Anna hinauswill. Doch ich spiele mit. Okay, beginne ich tutorial like, also am Anfang steht die Sehnsucht. Links oder rechts fragt Anna verwirrt. Sie kann die Sehnsucht nicht sehen? Links, wie der Anfang eines Satzes, jedenfalls hier bei uns in Mittelerde scherze ich, doch Anna ist nicht zum Spaßen aufgelegt. Es ist wichtig, dass du die Sehnsucht spürst, das Dehnen der Sehnen in deinem Innern. Sie ziehen sich zusammen zu einem Punkt, auf dem die Begierde und das Begehren zusammenkommen. Die Sehnsucht kann so sehr ziehen dass es weh tut. Der Schmerz kann zur Sucht werden. Warum? Weil du dich ihm nicht entziehen kannst. Du musst ihn durchstehen, egal was aus der Sehnsucht wird. Kannst du sie jetzt erkennen?

Anna nickt. Ihr gequälter Ausdruck weicht einem nachdenklichen. Direkt neben der Sehnsucht ist das Begehren erkläre ich im Stil der Kamasutra-Oberlehrerin. Warum weiß ich das eigentlich so gut. Egal. Also das Begehren ist der Sehnsucht sehr ähnlich, bezieht sich aber mehr auf den Körper. Anna unterbricht. Kommen nun die Körpersachen, die will ich nicht wissen. Ich will nur wissen was davor ist, vor dem Körper. Warum? Weil. Anna ist plötzlich in ihrem Ich-bin-ein-trotziges-Mädchen-Stadium. Beantworte doch einfach meine Frage, ich habe dich nicht um Interpretation gebeten. Ich interpretiere nicht, Anna. Es macht keinen Sinn, bei Begehren Körper und Kopf zu trennen.

Ich will aber nicht körperlich begehren, ruft Anna. In einem Café mit lauter Leuten um uns herum ist das ein lustiger Satz. Echt nicht? fragt ein Typ vom Nachbartisch. Anna ignoriert ihn und flüstert: Ich will, dass die Sehnsucht in meinem Kopf bleibt. Das geht nicht raune ich zurück, sie ist kein Hirngespinst, sie klebt an jedem einzelnen verdammten Blutkörperchen und strömt durch deinen Körper, ob du es willst oder nicht. Sie webt sich um deine Organe und kocht sie weich genauso wie deine Gelenke, weiche Knie, weicher Blick, alles weich und rosa, verstehst du?

Anna lehnt sich zurück. Der von nebenan schaut immer noch. Sie lächelt ihn an. Er lächelt zurück. War´s das frage ich.