Wanderdüne

schönes Kleid

Sehr wahrscheinlich hat ein sensibler Mensch definiert was eine empfindliche Pflanzengesellschaft ist. Ein Mann namens Manfred, der mit Mitte Vierzig noch bei seiner Mutter wohnt und ganz zufrieden damit ist. Seine Analogie ist sehr persönlich und gleichzeitig objektiv wissenschaftlich, das redet er sich zumindest ein. Die Vergesellschaftung von Pflanzen findet durch brutalen Wettbewerb und rücksichtslose Auslese statt, um sich einen optimalen ökologischen Standort zu sichern. Das System ist konstant, solange der Mensch nicht mit Chemie oder grober Gewalt hineinpfuscht, das Klima konstant ist oder Bienen fremdartige Pollen fallen lassen, die dann mit aggressivem Marketing neue Wettbewerbsbedingungen schaffen. Da Manfred die (un)menschlichen Marktgesetze kennt, erklärt er empfindliche Pflanzengesellschaften für schützenswert. Die Menschen, also diejenigen, die Natur mögen und achten, also die aufmerk- und in gewisser Weise ebenso empfindsamen wie Manfred, akzeptieren diesen Schutz. Sie würden niemals auf diskret eingezäunten Wanderdünen herumtrampeln und die ledrigen Gräser (zer)stören.

Manfred erklärt, dass er noch weit vom Perfektstadium entfernt ist. Das habe ich ihm bereits aus einiger Entfernung angesehen, wundere mich aber über den Gebrauch des Wortes „noch“, weil ich glaube er hat es schon lange überschritten. Aber auch er lebt in seiner eigenen Welt und da will ich nicht einfach so reinplatzen und behaupten die Dinge sind so und so. Vielleicht denkt er ja in Erdzeitaltern. Sieht seine Persönlichkeit als seltsame Pflanze und den Ablauf seines Lebens in mehrere Ären gegliedert, diese wiederum in Systeme, Perioden, Formationen, Stufen und Abteilungen unterteilt. Während Manfred mir das erzählt, überlege ich, ob ich ihm gegenüber als Enzym agieren soll. Als Biokatalysatorin würde ich seine Gewohnheiten zeitlich beschleunigen. Mit meiner Aktivierungsenergie würde ich Manfred aus der Bahn werfen. Mein Gehirn sagt nein. Es ist mal wieder auf Empathie geschaltet und empfiehlt mir, kurz Manfreds Perspektive einzunehmen und so schlüpfe ich in diese anfangs erwähnte Analogie. Stimmt. Aus Manfreds Sicht bin ich eindeutig ein nicht erwünschter Fremdkörper, ein Eindringling, der seine Empfindlichkeit verletzt. Trüge ich ein schönes Kleid würde er an Blütenstände denken. Ich drossle also mein aktives Interesse auf freundliche Höflichkeit und sage ich muss jetzt leider los weil ich muss noch meinen Rasen sprengen äh meine Pflanzen gießen.

Königin-Komplex

eigenheim

Ich kenne eine Frau, die sich rächen will. Rachegefühle gelten als Charakterdefizit. Zumindest hierzulande, wo es für nicht ausgelebten Zorn Therapien gibt. Bezahlt sogar die Krankenkasse. Also ihre nicht, aber die meisten schon. Sie sagt sie braucht keinen Psychologen weil sie weiß wo ihr Wunsch nach Rache verankert ist, auch seit wann. Jetzt lächeln die Psychologen weil sie glauben, das wäre noch lange nicht alles. Stimmt. Sie will nämlich ihr mieses Gefühl gar nicht loswerden. Sie schwimmt darauf wie ein Korken und es trägt sie von Küste zu Küste.

Andere haben damit zu kämpfen, dass sie von ihrer Mutter nicht angenommen, akzeptiert oder angemessen geliebt werden, sie dagegen hat ihre Mutter schon als Kleinkind abgelehnt und musste sie dann noch achtzehn lange Jahre ertragen. Dann ist sie einfach weggegangen. Aus diesem Haus mit der blauen Garage. Hat ihr Fahrrad geschnappt und ist über die Felder in ein neues Leben geradelt. Zu dem Zeitpunkt war sie eine angry young woman und konnte sich easy in eine Peergroup einreihen. Wild war das. Die Rachegefühle kamen erst viel später als sie gemerkt hat, wie konditioniert sie ist und dass sie einen böse-Königinnen-Komplex hat. So nennt sie das. Direkt abgeleitet von der Herrscherin im schwer verdienten Eigenheim.

Es gibt in ihrem Leben immer wieder diese Frauen, die glauben, sie irgendwie über die Klinge springen lassen zu müssen, um sich dann an ihrem Blut zu ergötzen. Es sind Frauen mit Macht. Mütter zum Beispiel. Freundinnen. Kolleginnen. Was dich nicht tötet macht dich stark. Das ist nicht gerade ein Spruch aus unserer mitteleuropäischen Alltagswelt. Die Wahrscheinlichkeit getötet zu werden ist auf der Autobahn am größten. Kein großes Abenteuer. Ihre Mutter lebt seit vielen Jahren nicht mehr und die Rache richtet sich eher gegen das System, das alles zugelassen hat. Es hat sogar zugelassen, dass sie selbst zur bösen Königin geworden ist. Ab und zu. Sie weiß ja wie es geht. Das bringt keine Linderung. Jetzt ziehen die Psychologen eine Augenbraue hoch. Da muss man doch was machen. Sie pfeift darauf.

Neulich hat sie mir gesagt, dass jetzt, wo sie keine der angry young women mehr ist, einfach wegen des Alters, sei es schwieriger, sich auszutoben. Lust zum Austoben hat sie genau wie früher, aber auch das lässt das System nicht zu. Im Geheimen muss das geschehen. Sonst gilt sie als absonderlich. Zu guter Letzt muss sie lachen. Aus vollem Hals. LOL. Es geht ihr gut mit dieser Rache. Mit diesem wütenden Tier in ihr. Sie hebt stolz ihr Kinn. Es ist ihres, ganz allein. Besitzerin. Königin.

 

Augenblick App

Neulich sagte eine Frau in einem Vortrag ihr Talent sei es den richtigen Moment zu erkennen. Damit hat sie mächtig Eindruck gemacht, das Publikum lag ihr zu Füßen. Den exakten Zeitpunkt zu erwischen ist mit das Schwierigste was es gibt. Manche Menschen können das als hätten sie einen Sensor dafür, ich finde die sollten eine App entwickeln damit andere das auch können. Ich liste meine Pläne nach Priorität und mein Mobiltelefon würde diskret summen, wenn der Augenblick gekommen ist an dem ich dieses oder jenes sage oder das eine oder andere tue. Es ist nicht so dass ich grundsätzlich im falschen Moment agiere. Ich kann nur kein System erkennen oder ein Gespür entwickeln für diese zeitliche Dimension.

ImageAnsonsten bin ich im Zeitmanagement akribisch, perfekt sozialisiert in sekundärer Tugend. Peinlich ist das wie ich vor allen Terminen noch kurz Zeit habe mir schnell den Staub von den Schuhen zu wischen, die Hände zu waschen und den Lippenstift nachzuziehen. Dabei ist das alles gar nicht wichtig für mich. Ich schaffe es nur einfach nicht zu spät zu kommen. Schon früher in der Schule waren die Coolen immer die Letzten. Aber die Letzte sein will ich auch nicht. Gibt es denn keinen Mittelweg? Ich hasse Mittelweg. Ich brauche diese App. Dringend.

cruel nature

Im Wald sind alle freundlich zu mir. Menschen, Tiere, Pflanzen und sogar Steine. Ich laufe jeden Tag durch diesen Wald und vor einiger Zeit habe ich gemerkt, dass ich ein Teil davon geworden bin. Der Förster grüßt stumm mit zwei Fingern an seinem Hut, der Buntspecht fliegt nicht weg sondern hämmert weiter, sogar der Eichelhäher zetert nicht mehr rum als würde ich in den Wald kommen um seinen Artgenossen die hübsche blaue Feder auszureißen.

Mein Gehirn braucht etwas länger sich zu gewöhnen oder vielleicht schaffte es das gar nicht. Den Schatten hinter einem Baum hält es jedesmal für eine dunkle Bedrohung, es sendet mir die Silhouette einer bösen Gestalt auf die Netzhaut und dazu einige Ausrufungszeichen wie in einem Comic. Vor dem Ast, der seit dem letzten Sturm quer über dem Weg hängt, erhalte ich eine Fallbeil-Warnung, als stünde ich in Zeiten der französischen Revolution kurz vor der Hinrichtung.

SAM_2867

Ich versuche Frieden zu stiften mit der kontemplativen Betrachtung moosbewachsener Felsen, lächelnder Baumrinden und einem in Stein gehauenen Engel. Ich glaube, mein Gehirn versteht die Message nicht. Den Engel starrt es verständnislos an, warum öffnet der seine Augen nicht. Er taugt nicht als Beschützer, diese Rolle muss es weiter selbst besetzen. Vielleicht mag es den Kick der potentiellen Bedrohung und den hormonellen Aufruhr, den das in meinem Körper verursacht. Ich unterstelle ihm keinen bösen Willen, es will wahrscheinlich nur regelmäßig die Systeme checken.

 

 

Hirngespinst

Was für eine dumme Idee. Die Abwertung einer Fantasie tut körperlich weh, brennt sich in die Rinde ein. Die zurückgewiesenen, belächelten und abgeschmetterten Gedanken speichert das Gehirn als Gespinste. Sie sind zart, zerbrechlich und dennoch unzerstörbar, denn sie sind Schläferinnen wie die in Agentenfilmen eingeschleusten Spione, die erst aktiviert werden, wenn es wirklich wichtig wird. Mit wenig Energie erhält sich das filigrane System am Leben, spielt ab und zu einige Kombinationen durch, schleust sich regelmäßig durch alle Updates und bleibt so auf dem neuesten Stand. Manche nennen es auch Flausen im Kopf. Mütter tun das oder taten das früher, auch Väter. Das Vokabular ist nicht mehr verbreitet, vielleicht sagen sie heute mein Kind spinnt. Das ist lieb gemeint. Mütter meinen ja alles nicht so wie sie es sagen aber warum glauben sie dass ihre Intention auch ankommt ohne dass sie sie zum Ausdruck bringen? In Wirklichkeit ärgern sie sich, dass sie keinen Zugang zu dieser eigenen kleinen Synapsenwelt in ihrem Kind haben und dass ihnen seine unschuldigen Augen auch weiterhin jeden Zugang verweigern werden. Gespinste sind freundliche Wesen, sie halten zusammen.