Die Welt ist nicht bunt, sie sieht nur so aus. Eigentlich gibt es ja kein farbiges Licht und Farbe ist ein genuin psychologisches Phänomen. Das könnte bedeuten, dass alle Leute, die nicht auf der gleichen Wellenlänge sind auch die Farben anders wahrnehmen. Hier im Baumarkt spielt das keine Rolle und ich bin ja in guter Gesellschaft. Wir lassen also den externen Reiz, die Palette aus Breeze, Platin Blue, Hibiskus und Velvet auf uns wirken und geraten nach kurzer Zeit in einen Rausch der Sinne. Denn hier gibt es diese wunderbaren Farbtafeln von Jette Joop und anderen Baumarktdesignern, die den Farben so freundliche Namen geben, dass wir sie am liebsten gleich alle mitnehmen und auf die Wände pinseln würden. Sogar der Farbton Rain ist umwerfend, nicht einfach grau und wasserweiß, nein, irgendwie schimmernd, erfrischend und wohltuend wie ein Sommerregen auf dem Land. Das Problem ist jetzt, dass wir uns nicht entscheiden können, sondern wie alle anderen die kleinformatigen Farbtafeln mit nach Hause nehmen. Dort fächern wir sie auf den Tisch, auf den Boden und auf das Bett und kommen uns brutal vor, wenn wir einen Ton ausschließen, obwohl er eine famose Bezeichnung hat: Guadeloupe 2B zum Beispiel.
Author: Peggi Liebisch
neurotypisch
Wenn Blicke töten könnten wäre ich jetzt wahrscheinlich schon six feet under. Als neurotypische Empfängerin von Signalen kann ich die Mordgelüste erkennen. Ich habe selbst schon solche ausgesandt und deshalb weiß ich sowohl darüber Bescheid, wie ich ihnen begegnen kann als auch wie ich sie verarbeiten kann. Ein ganzer Schwarm von Synapsen wird aktiviert, um mir mögliche Verhaltensweisen zur Verfügung zu stellen. Erstaunlicherweise amüsieren mich solche Situationen. Sie sind selten, zugegeben, und sie finden oft in Beziehungen statt, da wo sie gar nicht hingehören, wenn sie überhaupt irgendwo hingehören außer nach Hollywood. Aber selbst in diesen einsamen spannungsgeladenen Augenblicken bewege ich mich nicht neurountypisch. Denn ich weiß, dass zwischen meinem Blick und mir eine ganz besondere informationelle Signifikanz steckt, die ich zwar manchmal lieber besser unter Kontrolle hätte, aber das ist ein anderes Problem.
Langzeitexperiment
Dad ist 77. Trotz seiner ansehnlichen Sammlung von hochprozentig verbranntem Obst gibt es keine Party. Die in erster und zweiter Blutlinie Geborenen scharren mit den Hufen, manche sind Hörnertiere wie er, die meisten sind Fische, die schlagen Wellen mit ihren Flossen. Alle anderen boxen in die Luft. Nix zu machen. Also öffnen wir den Schampus auf mich, dreimal 17, auch nicht schlecht. Die Gruppenfotos im Garten sehen irgendwie schräg aus. Das liegt daran, dass mein einer Neffe und seine Freundin, 17, mit dem keltischen Namen Gwenni alle davon überzeugen wollen, dass wir Teil eines Langzeitexperiments von Aliens sind. Weil sonst würde der ganze Quatsch hier gar keinen Sinn machen. Während wir das also in Sektlaune diskutieren fällt mir ein, meine Tochter und ihre Freundin sind demnächst dreimal 7 und werden wie es sich gehört gigantisch feiern.
ha ha ha!
Gelächter entspannt, das ist bekannt. Nicht nur die Gesichts- und Bauchmuskulatur, auch das Gehirn. Ich lache mich tot.
Während das geschieht, ist die Kurve auf dem Monitor schon fast waagrecht. Mein Körper und alle, die drumherumstehen, schütteln sich vor Vergnügen, schließlich ist es ansteckend und findet unter günstigen Umständen immer neue Nahrung. Eine Lawine aus Heiterkeit. Ein wenig peinlich, zugegeben. Wie die Herde Zebras in Madagaskar I.
Von der fortlaufenden Rückkoppelung lösen sich Ursache und Wirkung völlig auf. Doch die Physik der Wellen bedingt ein Abflauen und in der Phase des Wieder zur Ruhe Kommens breitet sich ein glückliches Grinsen auf den Gesichtern aus, auch auf meinem.
Gleich sind wir alle wieder mehrdimensional hochkomplexe und nichtlineare Denkwesen, die sich etwas auf ihre Bildung einbilden, dabei haben wir noch nicht einmal damit angefangen, die mittlere Organisationsebene der Informationsverarbeitung zu verstehen. Aber der Witz muss schon gut sein, oder.

