In einer Gegend zu wohnen, in der alle Wasser aus dem Wahnbach trinken und in der Wahner Heide wandern, prägt die Wahrnehmung. Es gibt noch mehr Landmarken mit diesem Namen und so bahnt sich der Wahn einen angestammten Platz im regionalkollekiven (Unter-)Bewusstsein.
Manche, wenn nicht fast alle, also fast eine Million Menschen, wissen nicht woher das Wasser aus ihrem Hahn kommt und nachgefragt kennt kaum jemand den Wahnbach, einen 29,4 km langen Wiesen- und Waldbach, der 1958 mit der Wahnbachtalsperre endgültig dazu bestimmt wurde, das Tal, durch das er fließt, mit seinem Bachwasser zu füllen und die Bevölkerung in einem Umkreis von zig Kilometern damit zu versorgen. Auch in Königswinter trinken wir das qualitativ international hoch angesehene Wahnwasser ohne zu ahnen, dass jedes Jahr aus der ganzen Welt Wasserexpert/innen anreisen, um einen professionellen Blick auf die Anlagen zu werfen, die dieses Meisterwerk produzieren. Das Wasser ist ganz weich, praktisch kalkfrei und supersauber. Der reine Wahnsinn. Ganz normal.
Der Stausee bietet neben den technischen Feinheiten einen wunderschönen Anblick. Von der Tallsperre aus zieht er sich gen Ost in einzelne Täler, jetzt Buchten mit kristallklarem grünen Wasser. Würden nicht Eichen, Buchen und sonstige mitteleuropäische Flora die Ufer zäumen käme hier im Sommer leicht ein Karibikfeeling auf. Doch natürlich darf hier im Trinkwasser niemand schwimmen, von Enten und Gänsen mal abgesehen. Aber Gucken darf man und davon wird man satt: Die Idylle ist so bemerkenswert, dass meinem Gehirn die vielen Superlative schon peinlich sind: Geübt im Singsang sprachlichen Jonglierens denkt es je nach Blickwinkel Schweiz, Schweden und Schottland. Fantastisch.
Der Drachenfels – und damit auch die darunter liegende Stadt Königswinter – wurde durch niemand geringeren als den britischen Dichter Lord Byron (1788-1824) bekannt. Diese Tatsache gilt hier in Königswinter als stolzer Allgemeinplatz. Byron wird in der touristischen Presselandschaft gar als „Dichterfürst, der dem Drachenfels zu Weltruhm verhilft“ beschrieben.
The Castled Crag Of Drachenfels
The castled crag of Drachenfels
Frowns o’er the wide and winding Rhine,
Whose breast of waters broadly swells
Betweeen the banks which bear the vine,
And hills all rich with blossom’d trees,
And fields which promise corn and wine,
And scatter’d cities crowning these,
Whose far white walls along them shine,
Have strew’d a scene, which I should see
With double joy wert thou with me.
(Ausschnitt aus “childe harolds pilgrimage”, Lord Byron 1812 )
Byron 1824
Byron war einer der ersten Künstler, die ein öffentliches Image pflegten. Als Kritiker traditioneller gesellschaftlicher Strukturen gab er sich als sensibler Rebell und schuf in der spätromantischen Atmosphäre einen Mythos um seine Person. Er entwarf die Heldenfigur „Byronic Hero“, sie gilt fortan als archetypische Literaturform. Der Superantihero hätte auch in der heutigen Welt Bestand, denn er steht nur für sich allein, will nicht die Gesellschaft ändern oder Gutes für das Gemeinwesen tun, sondern ist nur am eigenen Ego und an den Gepflogenheiten seines genialen Geistes interessiert.
Für das Marketing und die Besucher/innen von Königswinter spielt die Berühmtheit Byrons eine große Rolle – ein Glücksfall, mit dem über die Jahrhunderte wirksam geworben wird. Auch August Wilhelm Schlegel, Heinrich Heine und Hoffmann von Fallerleben sind berühmte Rheinromantiker, aber das war etwas später. Und noch später, 1902, verbrachte der französische Dichter Guillaume Apollinaire ein ganzes Jahr in Bad Honnef, das übrigens als „rheinisches Nizza“ gilt und daher dem in Monaco aufgewachsenen jungen Mann sehr gut gefällt. Er widmet diesem Aufenthalt im Rheinland einige romantische Gedichte und ist am 24. August 2014 Gegenstand eines Vortrags in Schloss Drachenburg.
koenigssommer.de in Königswinter
Ein besonderes Ereignis ist das Kunst- und Kulturfestival Königssommer, das zurzeit bis 31.8.2014 – stattfindet. Eine kleine feine Kunstszene hat sich in Königswinter angesiedelt und öffnet in ehemals leerstehenden Läden der von Fachwerk gesäumten Hauptstraße ihre Galerien.
antiform zum Beispiel: Nach eigener Beschreibung auf der Website ist das „eine Gruppe von Aktivisten mit großer Affinität zu künstlerischer Arbeit haben sich unter dem Dach von antiform e.V. formal zusammengeschlossen, um bei der Realisierung von Projekten zu helfen, die außerhalb des üblichen Kulturbetriebes stattfinden sollen. Viel Begeisterung, jede Menge Phantasie und reichlich Eigeninitiative gepaart mit professionellem Anspruch sorgen dafür, dass jedes Vorhaben einzigartig ist und besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit findet.“
Am 9. und 10. August 2014 performen antiform-Künstler/innen aus ganz Deutschland in Königswinter unter dem Motto „transfer“ – also raus aus der Galerie, rein in die Straßen mit diesem Programm.
Gestern stehe ich 1 Stunde 27 Minuten in einer fremden Garage. Eine von diesen Fertigbauteilen. Sie bietet mir Schutz vor dem Gewitter und ich habe schon im Wald darauf spekuliert, dass hier ein Garagentor offensteht. Quasi der erste Unterstand vor den Naturgewalten auf bewohntem Gebiet in einem Außenbezirk von Königswinter. Mir scheint, der Blitz hat es auf mich abgesehen. Durch Feuer sterben ist nicht der schlimmste Tod glaube ich aber nicht heute. Das Gewitter zieht seine Runden über mir wie ein Raubtier. In der Garage fühle ich mich sicher.
zeder villa leonhart
Ich stehe dort und denke nach. Ich schaue auf den Regen wie er schüttet. Heute verändere ich meinen Blog. Ich nenne es mal vorsichtig Relaunch, weil so ganz weg von meinem Gehirn gelingt mir kein neuer Anlauf und ganz auf es verzichten will/kann ich natürlich auch nicht. Die leere Garage ist wie ein Resonanzraum, eine Meditationshalle ganz für mich allein. In meiner kleinen Trance wird mir klar was mir bisher fehlt. Das Konkrete. Die Namen. Die Koordinaten. Das Bekenntnis. Nicht nur zu Pflanzen. Zur gesamten Umgebung. Substanz.
Natürlich habe ich das Gewitter kommen sehen. Auf dem Stenzelberg habe ich den perfekten Blick gen Westen, von dort kommen sie fast immer. Der Donner rollt über die Eifel, die Wolken verdecken die Sicht, die Blitze peitschen eindrucksvoll auf die linke Rheinseite. Ich denke wahrscheinlich driftet es entlang des Ufers. Meist zieht es nördlich über den Strom, lädt seinen Hagel und seine Überschwemmung auf Köln ab während hier nur ein paar Blätter kurz zittern. Nicht heute. Die ganze Wucht der überschüssigen Hitze entlädt sich direkt über mir. Zunächst noch unbesorgt steige ich untern dem Dach der Buchen vom Fels. Kurze Zeit später fange ich an zu laufen. Stolpere den Bittweg hinunter. Sturzbäche mit mir. Tiefe Rinnen füllen sich mit Wasser und der Wald verdunkelt sich. Würde ich den Weg nicht so genau kennen wäre ich blind. Ganze Bäume legen sich hier nieder. Schnell raus hier. Dicke Tropfen klatschen auf meine nackten Arme und ich haste zu den ersten Häusern im Tal in der Hoffnung auf ein kleines Dach. Eine offen stehende Garage vielleicht. Da ist sie. Offen. Ein Ort, trocken und friedlich wie ein Gehege ohne Tiere drin.
Wäre das Gewitter nicht würde ich im Regen nach Hause rennen. Die Thermoskanne mit kaltem Tee in meinem Rucksack würde mir gegen die Rippen schlagen und mich rasend machen. Das spare ich mir. Den Rucksack stelle ich auf den Betonboden neben mir, da sind auch Brombeeren drin. Dicke schwarze Brummer. Mein Blick ist auf das Unwetter gerichtet. Hat mich hier hinein getrieben und lauert jetzt darauf dass ich wieder herauskomme. Ich habe Zeit und da drüben hängt Jesus steinern am Kreuz. Mein Gehirn denkt „Jesus, es regnet“ und ich muss lachen.
Dann vertunneln sich meine Gedanken ungefragt zu der existenziell wenig bedeutsamen Gewissheit, dass ich meinen Blog ändern will. Als gäbe es im Moment nichts Wichtigeres zu denken. Aber was soll`s sagt mein Vater immer. Und auch wenn ich diesen Spruch nicht mehr hören kann, passt er gut in diese Situation. Ich lasse ihn einfach weitersprechen, es ist sowieso schon in meinem Kopf: „Wenn du das ändern willst, dann tue es. Niemand hindert dich daran.“ So spricht er. Mein Vater. Meine ganze Kindheit hindurch. Zuletzt bei der Hochzeit meiner Schwester vor drei Wochen. Er glaubt fest an sich. Immer tiefer sinke ich in die neuen Inhalte meines Blogs. „Was ist ein Blog?“ fragt mein Vater. „Lass` mich, ich muss mich konzentrieren.“ Mein Gehirn erklärt meinem Vater was ein Blog ist. Er nickt stumm. Wahrscheinlich hat er es nicht verstanden. Würde er aber nicht zugeben. Das ist gut, denn ich kann weiter grübeln solange es da draußen grau und nass ist. Die Garage wird zu meinem Elfenbeinturm, zu meiner Eliteefeuuni … und als die ersten Sonnenstrahlen über den Hirschburghügel blitzen steht meine Entscheidung. Turborelaunch in 1 Stunde 27 Minuten.
Ich gehe nach Hause. Sehe rechts von mir eine große Zeder (Cedrus atlantica) die mir vorher nicht aufgefallen ist. Zwei eindrucksvolle Exemplare dieser majestätischen Bäume stehen in meiner direkten Nachbarschaft und verleihen ihr neben der abblätternden Wandfarbe einen südländischen Touch.
Ein klarer Abend. Jedes Blatt eine kurvige Kante, der Grashalm ein scharfes Schwert. Auf der Bank, schneidend weiß gestrichen, liegen einige Körner Sand. Sie setzt sich. Leise knirschen die Kiesel unter ihr, weiß wie die Bank. Dann bewegt sie sich nicht mehr und es ist still. Als hätte die Atmosphäre heute keine Klänge bereit. Nicht einmal ein Rauschen oder ein Plätschern. Nur Ruhe und fernes Flattern von Schmetterlingsflügeln. Sie denkt gut dass Denken lautlos geht. Denn sonst wäre hier ein Aufruhr, eine Störung, die sogar sie selbst von der Bank treiben würde. Aber sonst ist niemand hier. Sie ist allein mit ihren Gedanken. Versucht eine Ordnung herzustellen. Dabei lächelt sie. Und zittert. Erinnert sich an die Berührung. Sich daran zu erinnern löst eine Welle aus. Fast sichtbar zwischen den geschnittenen Rosen. Sie bricht sich an den Stauden und läuft über dem Rasen aus. Das satte Grün beruhigt sie. Ihre Augen saugen. Grün vom Gras und Rot von den Rosen. Dieses Mal will sie sich Zeit lassen. Nicht so schnell Grün und Rot mischen zu einem unscheinbaren Gemisch. Sich auf Konturen konzentrieren. Kleinigkeiten wahrnehmen und keine Klötze werfen. Dieser Park und dieser Abend sind wie eine Lupe, eine Verlangsamung der Zeit. Sie freut sich. Darauf dass sich alles wieder beschleunigt.
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