1 Stunde 27 Minuten

Gestern stehe ich 1 Stunde 27 Minuten in einer fremden Garage. Eine von diesen Fertigbauteilen. Sie bietet mir Schutz vor dem Gewitter und ich habe schon im Wald darauf spekuliert, dass hier ein Garagentor offensteht. Quasi der erste Unterstand vor den Naturgewalten auf bewohntem Gebiet in einem Außenbezirk von Königswinter. Mir scheint, der Blitz hat es auf mich abgesehen. Durch Feuer sterben ist nicht der schlimmste Tod glaube ich aber nicht heute. Das Gewitter zieht seine Runden über mir wie ein Raubtier. In der Garage fühle ich mich sicher.

zeder villa leonhart

Ich stehe dort und denke nach. Ich schaue auf den Regen wie er schüttet. Heute verändere ich meinen Blog. Ich nenne es mal vorsichtig Relaunch, weil so ganz weg von meinem Gehirn gelingt mir kein neuer Anlauf und ganz auf es verzichten will/kann ich natürlich auch nicht. Die leere Garage ist wie ein Resonanzraum, eine Meditationshalle ganz für mich allein. In meiner kleinen Trance wird mir klar was mir bisher fehlt. Das Konkrete. Die Namen. Die Koordinaten. Das Bekenntnis. Nicht nur zu Pflanzen. Zur gesamten Umgebung. Substanz.

Natürlich habe ich das Gewitter kommen sehen. Auf dem Stenzelberg habe ich den perfekten Blick gen Westen, von dort kommen sie fast immer. Der Donner rollt über die Eifel, die Wolken verdecken die Sicht, die Blitze peitschen eindrucksvoll auf die linke Rheinseite. Ich denke wahrscheinlich driftet es entlang des Ufers. Meist zieht es nördlich über den Strom, lädt seinen Hagel und seine Überschwemmung auf Köln ab während hier nur ein paar Blätter kurz zittern. Nicht heute. Die ganze Wucht der überschüssigen Hitze entlädt sich direkt über mir. Zunächst noch unbesorgt steige ich untern dem Dach der Buchen vom Fels. Kurze Zeit später fange ich an zu laufen. Stolpere den Bittweg hinunter. Sturzbäche mit mir. Tiefe Rinnen füllen sich mit Wasser und der Wald verdunkelt sich. Würde ich den Weg nicht so genau kennen wäre ich blind. Ganze Bäume legen sich hier nieder. Schnell raus hier. Dicke Tropfen klatschen auf meine nackten Arme und ich haste zu den ersten Häusern im Tal in der Hoffnung auf ein kleines Dach. Eine offen stehende Garage vielleicht. Da ist sie. Offen. Ein Ort, trocken und friedlich wie ein Gehege ohne Tiere drin.

Wäre das Gewitter nicht würde ich im Regen nach Hause rennen. Die Thermoskanne mit kaltem Tee in meinem Rucksack würde mir gegen die Rippen schlagen und mich rasend machen. Das spare ich mir. Den Rucksack stelle ich auf den Betonboden neben mir, da sind auch Brombeeren drin. Dicke schwarze Brummer. Mein Blick ist auf das Unwetter gerichtet. Hat mich hier hinein getrieben und lauert jetzt darauf dass ich wieder herauskomme. Ich habe Zeit und da drüben hängt Jesus steinern am Kreuz. Mein Gehirn denkt „Jesus, es regnet“ und ich muss lachen.

Dann vertunneln sich meine Gedanken ungefragt zu der existenziell wenig bedeutsamen Gewissheit, dass ich meinen Blog ändern will. Als gäbe es im Moment nichts Wichtigeres zu denken. Aber was soll`s sagt mein Vater immer. Und auch wenn ich diesen Spruch nicht mehr hören kann, passt er gut in diese Situation. Ich lasse ihn einfach weitersprechen, es ist sowieso schon in meinem Kopf: „Wenn du das ändern willst, dann tue es. Niemand hindert dich daran.“ So spricht er. Mein Vater. Meine ganze Kindheit hindurch. Zuletzt bei der Hochzeit meiner Schwester vor drei Wochen. Er glaubt fest an sich. Immer tiefer sinke ich in die neuen Inhalte meines Blogs. „Was ist ein Blog?“ fragt mein Vater. „Lass` mich, ich muss mich konzentrieren.“ Mein Gehirn erklärt meinem Vater was ein Blog ist. Er nickt stumm. Wahrscheinlich hat er es nicht verstanden. Würde er aber nicht zugeben. Das ist gut, denn ich kann weiter grübeln solange es da draußen grau und nass ist. Die Garage wird zu meinem Elfenbeinturm, zu meiner Eliteefeuuni … und als die ersten Sonnenstrahlen über den Hirschburghügel blitzen steht meine Entscheidung. Turborelaunch in 1 Stunde 27 Minuten.

Ich gehe nach Hause. Sehe rechts von mir eine große Zeder (Cedrus atlantica) die mir vorher nicht aufgefallen ist. Zwei eindrucksvolle Exemplare dieser majestätischen Bäume stehen in meiner direkten Nachbarschaft und verleihen ihr neben der abblätternden Wandfarbe einen südländischen Touch.

Organische Abstraktion

füttern verboten

 

 

 

 

 

 

 

 

Gestern bei einem gewaltigen Gewitter haben bei mir Augenmark und Rückenmerk die Position gewechselt. Es gab diesen Blitzruck, kennt ihr vielleicht, und plötzlich ist alles anders als vorher. So stelle ich mir eine Erkenntnis vor, wenn es dir wie Schuppen von den Augen fällt.

Ich habe aber (leider) keine Erkenntnis gewonnen, sondern eine Abstraktion. Das ist gewiss nicht der Hauptgewinn, eher ein Trostpreis, ein billig in Südostasien illegal von Kinderhänden fabriziertes Plastikteil. Ich empfinde es wenn ich ehrlich bin sogar als Strafe für etwas das ich nicht getan habe. Ich war`s nicht.

Dennoch muss ich jetzt dieses hässliche Augenmark tragen, es sieht aus als hätte ich mir Tubentomaten hinter die Lider geschmiert. Seine intelligente Primärfunktion hat es verloren, denn als Augenmark hat es nun die Merkrolle. Immerhin darf es noch entscheiden, was vom Auge der Betrachterin als Wesentlich erachtet wird. Mehr nicht.

Ob das Rückenmerk seine komplexe Aufgabe meistert bezweifle ich. Das ist noch voll im Merk- und nicht im Markmodus. Mann bin ich heute konfus drauf. Die Signale an das Gehirn werden vom Rückenmerk einfach abstrahiert und was kommt dabei heraus? Würstchen mit Kartoffelsalat als Antwort auf mein Hungergefühl. Ich esse seit Jahren vegan und das Spiel ist erst morgen.

Solange dieser Zustand anhält werde ich mir mit Ikons behelfen – einfache, auf das Wesentliche reduzierte Symbole ohne Verwechslungsgefahr. Draußen höre ich Donner. Ein neues Gewitter zieht auf. Das könnte die Lösung sein.

Romeos Dorn

„Ist Lieb ein zartes Ding? Sie ist zu rauh, zu wild, zu tobend; und sie sticht wie Dorn.“ Romeo hat Recht. Rau wie rissiger Fels in den Bergen, grau von Wind und Wetter. Wild wie der Bach, der auf den Stein spritzt und eine Kuhle formt. Tobend wie der Sturm, der seinen Blitz hinein schlägt. Wie kann er alle diese Sachen aushalten auch wenn sie nur Bilder sind. Ich kenne diesen Romeo. Er stirbt, weil er das Regelwerk verletzt.

RomeoZuerst wünscht er sich die Liebe wäre der wilde Bach, der über den rauen Fels ins Tal stürzt und dann sanft in einen trägen Fluss fließt bis ins Meer. Im Meer liegt er auf dem Rücken, im Salz des Wassers wogt er auf und ab wie eine Flaschenpost, die noch niemand gelesen hat. Vom Heimathafen träumt er. Auch vom nächsten Sturm. Das gleichmäßige Wogen und Wiegen ist nicht sein Ding. Sein Wunsch nach Ankommen ist ein Witz.

Wenn er ehrlich ist wünscht er sich viel mehr, er könnte seine eigene Nachricht lesen. Eingerollt und mit rotem Faden gebunden verbirgt sie sich vor ihm. Wahrscheinlich ist sie so banal, dass er so was von enttäuscht wäre, würde er ihretwegen aus dem Strudel gefischt. Die Fantasie ist immer fesselnder als die Realität, der Widerstand gegen das Unbekannte aufregender als Tatsachen zu diskutieren. Fehlt noch der Dorn. Der sitzt wie ein Stachel in seinem Fleisch und treibt ihn an. Direkt ins Verderben.