
Die Déjà-vu Momente mehren sich. Vor einigen Jahren waren es rudimentäre Reste aus Second Life, die mich an etwas erinnerten, was niemals war. Jetzt sind es vage Andeutungen aus der virtuellen Welt. Sie reichen aus, meine Wahrnehmung auf wunderbare Weise mit Altbekanntem zu versorgen. Mein (Lebens-)Gefährte, das Gehirn, mag das Gewohnte. Seine Priorität im Denkprojekt sind Belohnungen. Über die Jahre habe ich vergebens versucht, es zu Höchstleistungen ohne Honorar zu bewegen – doch es hält allen pro bono Bemühungen stand. Also darf es nun App-Ersatzzuckerchen naschen.
Als erstes nehme ich es mit auf einen schneebedeckten Berg. Früher war ich eine begnadete Boarderin. Habe Tiefschnee durchschnitten wie ein warmes Messer weiche Butter. Mein Gehirn erinnert sich: Damals hat es Glückshormone ausgeschüttet. Einige Nanoendorphine hängen immer noch an den Synapsen. Sie blitzen und funkeln und glitzern wie Eiskristalle.
Der Berg ist ein Programm, der Schnee, der Hang, der Wind, die Kälte – alles Programm. Das Programm ist eine App und die App ist auf meinem Telefon und das Telefon ist quer auf meiner Nase. Wie ein kleines Brett vorm Kopf. In einer Plastikhülle mit feinen Extralinsen für die Projektion. Auf dem Gipfel genieße ich den Rundumblick. Zu meinen Füßen liegt knirschender Schnee, die Sonne scheint am Himmel und der Abgrund fällt um mich herum.
Wo dem Programm die Perfektion fehlt, füllt mein Gehirn die Lücken. Kaum kriegt es Zucker, zögert es keine Sekunde. Es möchte, dass ich glaube, was ich ihm vorgaukle. In diesem Paradox sind wir wie Partner: Wir kennen unsere Vorlieben und wir wissen um unsere Schwächen.
Déjà-vu-Apps gibt es wie Sand am Meer. Programmierte Phänomene für einen Pappenstiel.
Das ganze Jahr auf dem Rücken. Anna sagt: Halte durch, nur noch ein Tag. Diesen einen Tag trinken wir Gin. Kauen auf Wacholderbeeren. Gehen barfuß auf Nadeln. Riechen den Weihrauch und atmen ihn ein, bis wir aus den Luftröhren röcheln. Die Augen glasig, die Lippen kälteblau und den Mund zu einem letzten Lächeln verzogen. Komm Knirk. Anna verträgt mehr als ich. Sie kann noch die Botanik und hält das Feuer an den Baum. Soll der Baum brennen? frage ich. Nein, die qualmende Rindenhülle soll die Dämonen vertreiben. Ach so. Rutsch mir endlich den Buckel runter.
In meinem Traum begegne ich einem König auf der Eisfläche des Novemberwassers. Das Wasser gefriert trotz der warmen Erderwärmungstemperaturen. Der König ist ein Erdentsprossener, ein sagenhafter König, der nicht weiß, dass er ein König ist. Auf seinem Haupt trägt er eine Alge, die nicht von dieser Welt ist. Die Alge sieht aus wie eine Krone, gezackt, von goldener Farbe wie die echten, aber sie ist nur eine zufällige Alge. Eine zufällige und unbewusste Alge, ein atlantisches Lebewesen.
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