Materie … Möbel, Gitarre und so

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Ein Moment der Stille schenkt mir einen kurzen Seelenfrieden. Dabei schalte ich nur eben den Rechner aus und sehe die Verdunkelung des Monitors. In der flächigen Schwärze ist die Ruhe wie die vor dem Sturm. Ein Innehalten der Welt. Ein Sich-Öffnen der Sinne. Wie luftige Tentakel schweben sie forschend in der Luft auf der Suche nach Widerstand. Kein Widerstand da – alles nur geräumiger Raum. Ich höre nichts. Ich sehe nichts. Wie nenne ich diese Art der Wahrnehmung von wuchtigem Nichts?

Im Raum ist keine Leere, sondern Fülle. Alle sind da. Das Glück ganz vorn, es dreht sich um. An seiner Seite die Seligkeit in ihrem weißen Kleid. Hand in Hand mit einer Gitarre. Sie lässt mich die Liebe sehen, wie ganz nebenbei. Sie sind immer alle da. Sie mischen sich unter die Materie, Möbel und so. Meine besten Freunde und die gefürchteten Feinde. Missgunst. Miss Gunst. Eifersucht. Diese süße Frucht. Und das Lachen der Güte.

Ich gehe auf die Gitarre zu, denn ich habe Lust auf die Liebe. Ganz nah ist sie und ihre Saiten sind gespannt auf das, was kommen mag. Um die Stille nicht zu stören, streiche ich nur über das blanke Holz, glatt wie ein schneller Gedanke. Meine Liebe ist nicht an die Zeit gebunden. Vergangenheit ist Gegenwart und Zukunft. Es sind nur Namen für neue Gemische. Luft, Gas, Licht, Geräusch. Immer wieder anders.

Der Moment vergeht. Er lässt einige Moleküle hängen. Schwebeteilchen mit dem Duft von Veilchen. Maiglöckchen mag ich lieber, mault mein Gehirn. Wo war es eben? Ein wenig weg. Eine Ewigkeit fort. Solange wie dieser Moment währte. Eine kleine Glückseligewigkeit.

 

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Das letzte Mal

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Heilt Zeit Wunden? Meine nicht. Die von meiner Nachbarin auch nicht. Ihre Tochter ist vor neun Jahren verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Vielleicht ist diese Wunde zu groß. Ein klaffender und pulsierender Spalt, an dessen Grund ein reißender Bach scharfkantiges Geröll rollt. Scharfkantig hat nichts mit Kant zu tun. Würden kantische Prinzipien wirken, wäre all das nicht passiert. Seit neun Jahren steht jeden Abend eine Kerze im Fenster. Im Dorf stehen Kerzen dort, wo das Mädchen das letzte Mal gesehen wurde. Sie ist fast so lange weg wie sie da war, doch das Nicht-da-Sein wiegt um Jahrhunderte schwerer. Das Mädchen ist jung geblieben und wir zurück Gebliebenen sind grau geworden. Grau vor Gram.

Begegne ich meiner Nachbarin, sehe ich den Schmerz in ihrem Blick. Er ist immer da, auch wenn sie lächelt. Am Schmerz verfängt sich Rastlosigkeit wie eine Schnur an Stacheldraht. Die Schnur sieht aus wie Pferdehaare, blond, drahtig. Blond ist auch das Kind. Die Rastlosigkeit kommt von der Suche nach dem Ort, wo die Verschwundene sein kann. Es ist kein Gucken nach einem Grab. Es ist eine Ausschau nach Anhaltspunkten, die sich vielleicht verdichten. Warum aus einem so gewaltigen Wunsch keine Materie wird, ist mir schleierhaft.

Zu meinem Schmerz gesellt sich stille Verwunderung. Nie stellt meine Nachbarin die Frage nach dem Sinn oder nach Schuld. Sinn und Schuld spielen in ihrem Leben keine Rolle. Es hieße nach Erklärungen zu suchen, die das Verschwinden verkleinern bis hin zum Vergessen. Es geschieht, dass sie einige Stunden nicht daran denkt und dann ist der Schreck so groß wie der erste, als das Kind nicht nach Hause kommt. Ein Schlund, ein schwarzes Loch, das alles – auch die Zeit – verschlingt. Zeit kann keine Wunden heilen, denn sie kommt gar nicht in Kontakt mit ihnen.

Supernova

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Ich beobachte den Nachthimmel und folge Dark Sky Bloggern auf der Suche nach Supernovae. Im Sommer schlafe ich suboptimal unter den rotierenden Sternbildern. Sehe meistens nur Satelliten. Würde sich das Restlicht einer längst vergangenen Explosion nähern würden mich die Richtigen informieren, die Himmelskundigen, Astronomen, Nachteulen. Populäre Phänomene interessieren mich. Was aber wirklich turnt ist die Wiederholung, der Zyklus, die Endlosschleife. Sie sind nur scheinbar harmlos und haben den gleichen Effekt wie die Sensation. Sie folgen dem Grundprinzip der Entropie und dehnen sich immer weiter aus. Denken wir also wir nähern uns stimmt genau das Gegenteil. Wir entfernen uns. Voneinander. Je länger desto fremder. Glänzend. Glatt. Galaktisch.

Meine Wechselwirkung mit der Welt ist eine körperliche, elementar und aufreibend. Meine Füße im Sand von Wasser umspült mein Kopf in den Wolken unter dem Kosmos. Was für ein Wirbel. Was für ein Klischee. Zusammenhänge wo der Zufall regiert. Sinn wo keiner ist. Theorie, unbewiesen. Ein Modell für die Liebe. Ohne Beweis, einfach da. Großartig. Supersymmetrisch. Physikalische Freiheit, die über die vierdimensionale Raumzeit hinausgeht. Energie, dunkel und voller Schub. Formvollendet. Materie vom Feinsten. Supernova.