Materie … Möbel, Gitarre und so

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Ein Moment der Stille schenkt mir einen kurzen Seelenfrieden. Dabei schalte ich nur eben den Rechner aus und sehe die Verdunkelung des Monitors. In der flächigen Schwärze ist die Ruhe wie die vor dem Sturm. Ein Innehalten der Welt. Ein Sich-Öffnen der Sinne. Wie luftige Tentakel schweben sie forschend in der Luft auf der Suche nach Widerstand. Kein Widerstand da – alles nur geräumiger Raum. Ich höre nichts. Ich sehe nichts. Wie nenne ich diese Art der Wahrnehmung von wuchtigem Nichts?

Im Raum ist keine Leere, sondern Fülle. Alle sind da. Das Glück ganz vorn, es dreht sich um. An seiner Seite die Seligkeit in ihrem weißen Kleid. Hand in Hand mit einer Gitarre. Sie lässt mich die Liebe sehen, wie ganz nebenbei. Sie sind immer alle da. Sie mischen sich unter die Materie, Möbel und so. Meine besten Freunde und die gefürchteten Feinde. Missgunst. Miss Gunst. Eifersucht. Diese süße Frucht. Und das Lachen der Güte.

Ich gehe auf die Gitarre zu, denn ich habe Lust auf die Liebe. Ganz nah ist sie und ihre Saiten sind gespannt auf das, was kommen mag. Um die Stille nicht zu stören, streiche ich nur über das blanke Holz, glatt wie ein schneller Gedanke. Meine Liebe ist nicht an die Zeit gebunden. Vergangenheit ist Gegenwart und Zukunft. Es sind nur Namen für neue Gemische. Luft, Gas, Licht, Geräusch. Immer wieder anders.

Der Moment vergeht. Er lässt einige Moleküle hängen. Schwebeteilchen mit dem Duft von Veilchen. Maiglöckchen mag ich lieber, mault mein Gehirn. Wo war es eben? Ein wenig weg. Eine Ewigkeit fort. Solange wie dieser Moment währte. Eine kleine Glückseligewigkeit.

 

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Der Unterschied zwischen mir und der Maus

Maus

Das Zauberwort heißt Epigenetik und ist eigentlich ein Fluch … finde ich, die ich froh durchs Leben gehe und an den Anachronismus glaube, dass mein Genom sich zu meinen Lebzeiten nicht ändert. Es ändert sich sehr wohl und so kann mein Trauma in das meiner Tochter schlüpfen und dort weiter wüten ohne dass sie weiß, was eigentlich los ist. Mein Trauma ist das Trauma meiner Mutter und bahnt sich weiter seine Spur.

Aus früheren Gefechten sind tiefe Gräben in den Genen. Es ist eine Geschichte von vor dem Krieg Geflohener. Flüchtlinge. Vertriebene. Heimatlose auf den Straßen, dann in Lagern und Heimen. Kinder mit geschorenen Haaren, auch Mädchen wie meine Mutter. Läuse. Kälte. Erschöpfung. Das grausame Lachen der Leute, die eine andere Sprache sprechen.

Epigenetische Erkenntnisse stammen aus Experimenten mit Mäusen. Man hat die Muttermäuse traumatisiert und beobachtet, wie ihre Jungen trübe in der Ecke bleiben. Man hat die Elternmäuse gemästet und bemerkt, dass die Mäusekinder mollig sind, auch wenn sie gar nicht mit ihren Eltern aufwachsen.

Bevor ich verstehe, dass mein Muster ein Vermächtnis ist, schnitze ich es weiter. Wie werde ich das Messer los? Wann wiegt mein Leben ein einschneidendes Erlebnis auf, das ich gar nicht selbst erlebt habe? Das unter dem Deckmäntelchen sitzt? Scheint mir ein schwieriges Unterfangen zu sein. Jeden Tag schicke ich die, die sich zuerst bei mir melden, wieder weg. Scham. Häme. Wut. Schwäche. Halte Ausschau nach Mut, Heiterkeit und Zuversicht. Es muss einen Unterschied geben zwischen mir und der Maus.

Also gebe ich mein Bestes. Bleibe nicht in der Ecke. Wehre mich gegen die Bürde. Laufe mich schlank und aktiviere Antimaterie. Andere sind im Moment die Flüchtigen. Fluchträger. Sie brauchen ganze Wagenladungen voll Glück, Güte und guter Nachbarschaft. Wie epigenetischer Widerstand aufgebaut wird, wurde an Mäusen noch nicht ausprobiert…

Die Zeit ist reif

Wenn die Zeit reif ist fällt sie herab wie ein fauler Apfel. Der Matsch zu deinen Füßen ist die Vergangenheit. Lies daraus die Zukunft. Ein Muster wie Sternanis bedeutet dann vielleicht es stehen dir viele Möglichkeiten offen nutze sie. Ein Kloß in der Form von Kartoffelbrei heißt Schluss mit der Schleicherei und eine Kaskade Pferdeäpfel lass den Scheiß endlich hinter dir. Dieser winzige Moment Gegenwart. Er muss entscheiden. Geistesgegenwärtig. Dein Gehirn stellt dir ein Repertoire an Größenwahn zur Verfügung. Dann guckt es zu wie du dich abstrampelst. Es kichert und gluckst. Stellt sich hinter seine Rinde und glotzt durch ein Loch. Gespannt wie ein Bogen wartet es auf deine Entscheidung. Kein multiple Choice sondern komplizierte Kombinatorik.

diezeitistreifZögerst du zu lange schickt es das Chamäleon. Mit seiner klebrigen Zunge schnappt es dir die guten Ideen weg, eine nach der anderen. Bis Zweifel dich plagen ob die Zeit auch wirklich reif ist. Lieber noch ein bisschen warten. Sicher ist sicher. Der Matsch zieht die Fliegen an. Langsam wird es eklig. Mach doch was!

 

Augenblick App

Neulich sagte eine Frau in einem Vortrag ihr Talent sei es den richtigen Moment zu erkennen. Damit hat sie mächtig Eindruck gemacht, das Publikum lag ihr zu Füßen. Den exakten Zeitpunkt zu erwischen ist mit das Schwierigste was es gibt. Manche Menschen können das als hätten sie einen Sensor dafür, ich finde die sollten eine App entwickeln damit andere das auch können. Ich liste meine Pläne nach Priorität und mein Mobiltelefon würde diskret summen, wenn der Augenblick gekommen ist an dem ich dieses oder jenes sage oder das eine oder andere tue. Es ist nicht so dass ich grundsätzlich im falschen Moment agiere. Ich kann nur kein System erkennen oder ein Gespür entwickeln für diese zeitliche Dimension.

ImageAnsonsten bin ich im Zeitmanagement akribisch, perfekt sozialisiert in sekundärer Tugend. Peinlich ist das wie ich vor allen Terminen noch kurz Zeit habe mir schnell den Staub von den Schuhen zu wischen, die Hände zu waschen und den Lippenstift nachzuziehen. Dabei ist das alles gar nicht wichtig für mich. Ich schaffe es nur einfach nicht zu spät zu kommen. Schon früher in der Schule waren die Coolen immer die Letzten. Aber die Letzte sein will ich auch nicht. Gibt es denn keinen Mittelweg? Ich hasse Mittelweg. Ich brauche diese App. Dringend.

Entdeckung I

Im Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit hat mein Gehirn eine Strategie entwickelt wie es mich fesseln kann. Es beantwortet meine tägliche Frage „wer bin ich?“ auf viele verschiedene Arten und schickt mir die albernsten Figuren in meine Träume, die behaupten, sie wären mein wahres Ich. Zuletzt war das ein blaues Schaf, zurzeit ist es ein Känguru.

Es scheint eine Vorliebe für Tieranalogien zu haben, denn ich war noch nie ein Stück Birkenrinde oder ein Feigenbaum, obwohl mich Pflanzen grundsätzlich eher mehr interessieren als Tiere. Ich weiß auch mehr über die Flora, doch von diesem Wissen will mein Gehirn nichts wissen, es stellt lediglich den Speicherplatz dafür zur Verfügung. Den Gedanken, dass das wer ich bin, vielleicht gar nicht im üblichen gegenständlichen Sinn abgebildet werden kann, ignoriert es genauso. Ich glaube es mag Tiere. Und ich schätze seine Bemühungen, mir etwas Passendes auszusuchen, ein Tier, mit dem ich mich anfreunden kann. Das ich lieb gewinnen kann.

Da muss eine Belohnung mit im Spiel sein, denn ohne Preis strengt sich mein Gehirn normalerweise nicht so an. Vielleicht denkt es, dies ist eine Art Enthüllungsstory, tataaa! Hier, das bist du und ICH habe dich entdeckt. Solche Entdeckungen bringen Prozesse in Gang, Synapsenwirbel, Wendepunkte. Darauf muss es scharf sein.

Meine Versuche seine Vorschläge zu akzeptieren amüsieren es bestimmt, ich meine das ganz ernst. Sonst würde ich im Moment nicht wie wild auf dem Trampolin herumspringen, wenn an dem Känguruvorschlag nicht irgendetwas dran sein könnte. Trotzdem finde ich es sehr schwer, mich in das Wesen eines Kängurus hineinzudenken, außer dem Hüpfen fällt mir da nichts ein. Dass damit angenehme Nebeneffekte verbunden sind wie dieser kurze Augenblick der Schwerelosigkeit reicht aber fürs Erste. Mehr will ich gar nicht.