Der Unterschied zwischen mir und der Maus

Maus

Das Zauberwort heißt Epigenetik und ist eigentlich ein Fluch … finde ich, die ich froh durchs Leben gehe und an den Anachronismus glaube, dass mein Genom sich zu meinen Lebzeiten nicht ändert. Es ändert sich sehr wohl und so kann mein Trauma in das meiner Tochter schlüpfen und dort weiter wüten ohne dass sie weiß, was eigentlich los ist. Mein Trauma ist das Trauma meiner Mutter und bahnt sich weiter seine Spur.

Aus früheren Gefechten sind tiefe Gräben in den Genen. Es ist eine Geschichte von vor dem Krieg Geflohener. Flüchtlinge. Vertriebene. Heimatlose auf den Straßen, dann in Lagern und Heimen. Kinder mit geschorenen Haaren, auch Mädchen wie meine Mutter. Läuse. Kälte. Erschöpfung. Das grausame Lachen der Leute, die eine andere Sprache sprechen.

Epigenetische Erkenntnisse stammen aus Experimenten mit Mäusen. Man hat die Muttermäuse traumatisiert und beobachtet, wie ihre Jungen trübe in der Ecke bleiben. Man hat die Elternmäuse gemästet und bemerkt, dass die Mäusekinder mollig sind, auch wenn sie gar nicht mit ihren Eltern aufwachsen.

Bevor ich verstehe, dass mein Muster ein Vermächtnis ist, schnitze ich es weiter. Wie werde ich das Messer los? Wann wiegt mein Leben ein einschneidendes Erlebnis auf, das ich gar nicht selbst erlebt habe? Das unter dem Deckmäntelchen sitzt? Scheint mir ein schwieriges Unterfangen zu sein. Jeden Tag schicke ich die, die sich zuerst bei mir melden, wieder weg. Scham. Häme. Wut. Schwäche. Halte Ausschau nach Mut, Heiterkeit und Zuversicht. Es muss einen Unterschied geben zwischen mir und der Maus.

Also gebe ich mein Bestes. Bleibe nicht in der Ecke. Wehre mich gegen die Bürde. Laufe mich schlank und aktiviere Antimaterie. Andere sind im Moment die Flüchtigen. Fluchträger. Sie brauchen ganze Wagenladungen voll Glück, Güte und guter Nachbarschaft. Wie epigenetischer Widerstand aufgebaut wird, wurde an Mäusen noch nicht ausprobiert…

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13 thoughts on “Der Unterschied zwischen mir und der Maus

  1. Interessant! Da ist man mal wieder an dem Punkt, wo gefragt wird: Was ist bestimmender für die Persönlichkeit, Gen oder tatsächliche Erfahrung? Wenn es genetisch wäre, müßte sich bei unserer Eltern-Generation durch Krieg und Flucht die genetische Programmierung verändert haben. Dann würde sich bei Kindern, die nichts davon erfahren haben, auch ein Trauma einstellen. Ist es nicht eher so, daß uns viel erzählt worden ist, und daß uns andere Verhaltensweisen anerzogen worden sind, als heutigen jungen Menschen? Traumatisch ist da bei mir nichts, aber ich habe deutlich beeinflußte Denkmuster. Der Widerspruch zur Epigenetik liegt meiner Ansicht nach darin, daß ja auch die Kinder-Generation einer chemischen Modifikation unterläge. Warum sollte die dann nicht wirksamer sein? Findet man in unserer Kinder-Generation nicht eher sorglos lustbetonte Verschwender als traurige Mäuse, für die z.B. der Wert der Nahrung weit unter dem Wert des Handphones liegt?

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    • Ist wahrscheinlich nicht so einfach, die biochemische und soziale Modifikation auseinanderzuhalten. Unter der Oberfläche der Kinder-Generation brodelt es manchmal ohne dass klar wäre was es ist, gerade weil es uns ja eigentlich gut geht und es keinen Grund für diesen Schmerz gibt. Für mich stellt sich inmer die Frage, okay ich weiß das jetzt mit der Epigenetik und wie hilft mir das weiter? Analyse ( auch Psychoanalyse) ist ja nicht unbedingt der Weg zur Bewältigung. Da haben es Mäuse leichter-die denken vielleicht nicht so viel. lg

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    • Nach meinen heftigen Erfahrungen als Lehrer, Vater und Ehemann gibt es zwar eine gewisse genetische Prägung, doch die Sozialisation überschreibt jene in erschreckender Weise. Alles was man so als Manipulation durch Gruppen, Medien, Drogen, Ort und sogar Klima erfährt, wirkt total dominant: “Ich könnte nicht ohne TV leben!” Das war gestern. “Ich könnte nicht ohne mein HP leben!” Morgen wird es … sein? Nichts davon vorher in der Eltern-Generation überhaupt vorhanden.

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  2. Ich hab nix gegen eine enge Verwandtschaft mit Mäusen. Spinnen, das muss ich zugeben, lägen mir schwerer im Magen. Ich hab natürlich auch was gegen Mäuse in Käfigen, die als Versuchstiere herhalten. Aber ich weiß, dass sie uns eine große Hilfe sind beim Verständnis endlos komplizierter Mechanismen. Für neue Lippenstifte oder Haargels möchte ich kein einziges Tier in Gefangenschaft wissen. Was Genetik angeht, bin ich mir nicht so sicher. Weil die Erkenntnisse uns helfen können. Ehrlich, fühle ich mich als genetisch angelegtes Wesen auch nicht in meinem So-wie-ich-bin-Sein eingeschränkt. Im Gegenteil, dass Traumata möglicherweise genetisch weitergegeben werden, hat mich auf eine Art entlastet, denn es gilt: 50:50 bei der genetischen “Vorbelastung”, d.h. ich kann durch meinen eigenen Lebensweg eine Menge umformen, wenn es sein muss, sogar auf den Kopf stellen. Gerade Menschen, die besonders ängstlich auf die Welt kommen, haben das größte Kapital, enorm sensibel, und damit offen für die Welt zu sein, in einem Mass, wie das die normale Maus nicht hinbekommt. Also ein enormes Geschenk. Und mit vielen anderen Dingen ist das so. Wir bleiben einzigartig, egal wie stark wir durch unsere Familien “vorprogrammiert” sind. Und wie gesagt, die Maus an sich ist mal nicht die schlechteste.

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    • Sehe ich auch so, vielen Dank für deine Worte. Mich persönlich entlasten die epigenetischen Erkenntnisse, da ich im Zweifel nicht nur immer mich selbst verantwortlich machen muss. lg

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  3. Die Epigenetik scheint mir eine gute Erklärung zu sein für so manchen empfundenen Schmerz, dessen Ursache man selbst nicht durchlebt hat und ihn dennoch spürt.. Gerade die Generation der Kriegsenkel leidet unter diesem Phantomschmerz.
    Mich beruhigt es auch auf diese Weise mit meinen Ahnen verbunden zu sein.

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