Galgenhumor

Hund, sitzend, Blog, Substanz zu Galgenhumor

Schon wieder so eine Situation. Eine, die im Film „We have a situation“ genannt wird, wenn die freiheitlich demokratische Grundordnung gefährdet ist. Eine bedrohliche und scheinbar ausweglose Situation, in der letztlich niemand so recht weiß, was genau zu tun ist. Ein Gefangener ist gestorben, was einerseits schlecht und andererseits gut ist. Schlecht, weil wieder jemand Verantwortung übernimmt, wo es keine gibt und weil ein Menschenleben verloren ist. Gut, weil einer trotz Gefangenschaft seinen Willen ausübt. Freiheit ist, wenn man trotzdem stirbt.

Die Überlebenden üben sich in verschiedenen Arten von Humor. Galgenhumor gefällig? Ein Selbstmordattentäter hat seine Haltung in Bezug auf den Tod geklärt. Ihn für nicht selbstmordgefährdet zu erklären, ist Galgenhumor auf Kosten des Gehängten. Das komische Element schmeckt bitter. Der Witz muss vom Verurteilten kommen, nicht von denen, die sein Verhalten bewerten.

Wie wäre es mit Sarkasmus? Beißender Spott aus sich zerreißenden Mäulern? Eine ganze Meute gibt es da draußen. Vergleichen das Versagen der Verwaltung mit einem Kavaliersdelikt. Sie höhnen und urteilen vor den Mikrofonen in die Menge, die gierig nach Wortgewalt lechzt. Die Redefiguren des Sarkasmus haben Sätze für solche Situationen. Sie fordern Rücktritte. Tritte in den Rücken derer, die sowieso kein Rückgrat haben.

Und dann sind da noch die kommunikativ zerknirschten Zyniker. Hündigkeit als Lebenseinstellung. Allzeit bereit zur beabsichtigten Verletzung von Gefühlen. Welche Gefühle denn? Ahnungslosigkeit, Aufgebrachtheit, Bedauern, Empörung, Empathie. Eine kläffende Überheblichkeit, die Abscheu erntet. Einzelgänger sind nicht beliebt. Nahe dran an Einzelhaft. Isoliert. Unbeobachtet. Frei.

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Sie sind hier

Am Tag nach der Nacht liegt die Fledermaus im Keller. Tot. Steif. Haut verhornt und braun wie Leder. Wie soll ich wissen wie sie dort hinkommt. Keinen Schimmer. Ich leuchte sie an der Tod schluckt das Licht. Stehe im Dunkeln und grusele mich. Höre das Rascheln der kleinen Flügel wie das Blut durch sie pumpt, sie erhebt sich mit einem Fiepen streift mein Haar und fliegt weg. In dieses schwarze Loch in das ich mich nie getraue zu gucken wenn ich die Wäsche wasche weil dort irgendwie die Wand nicht aufhört sondern kalte Luft zieht. Dort fliegt sie rein. Oder dort kommt sie raus.

Am anderen Ende hat der Nachbar tief unten einen geheimen Raum, das erzählt er mir über den Zaun. Geheim. Ja geheim. Mein Lachen interessiert ihn nicht. Unter seiner weißen Haut laufen blaue Adern in seinen Augen fließt Argwohn. Also frage ich was ist drin. Er schnäuzt gelben Schleim in sein Taschentuch und nuschelt seine Mutter wohnt dort. Ich habe die Mutter schon mal gesehen, sie hat im Haus die Läden hochgezogen, doch ihr Sohn hat sie erwischt und sie mit zornigem Blick wieder fallen lassen. Ich denke durchgeknallt die beiden. Aber er lacht ich spaße nur, da ist nix, nur die Fledermäuse. Wussten Sie das nicht? Was denn.

bat3Sie sind hier. Zu Tausenden und Abertausenden fliegen die Fledermäuse in ihr Winterquartier. In Ihren Keller frage ich. Nein, da sind nur ein paar. Sie sind hier im Siebengebirge, in den Höhlen in den Stollen hinter den Steinen. Dort hängen sie mit den Köpfen nach unten wie kleine Säckchen bis die Sonne untergeht. Dann packen sie ihr Sonar aus und sirren im Steilflug ins Tal. Die kleinen Blutsauger. Mein Nachbar gefällt mir immer besser, wer kennt schon seine Nächsten.

Er lädt mich ein zu einem Schnaps er brennt ihn selbst. Wo denn. Im Keller wo sonst. Ist auch geheim wegen der Lizenz. Soviel geheim ist peinlich. Er benutzt das Wort zu oft. Entweder will er mich ködern oder er merkt es nicht. Schnaps an sich mag ich. Habe selbst welchen. Aber nur im Schrank nicht selbstgebrannt. Soll ich wirklich mitgehen. Ich will nachher nicht auch tot in meinem Keller liegen. Oder in seinem. Wer weiß wer da schon alles liegt. Obwohl. Neugierig bin ich. Gierig.

Ich gehe dann doch nicht mit. Lieber die distanzierte Nachbarschaft pflegen und nicht alles wissen wollen. Auch nicht alles erleben wollen. Vor allem nicht Tod oder so. Das fällt mir sehr schwer. So schwer, dass ich meinen Körper noch am Zaun stehen sehe während ich wieder zurück auf eigene Erde gehe. Dort bleibt er als Schatten haften. Tagelang. Ohne diesen Zaun wäre ich ernsthaft in Versuchung. Würde rübergehen und mich an der Gänsehaut reiben. Gefallen finden an der Gefahr. Faule Luft einatmen. Gerüche riechen. Feuchtigkeit spüren. Neeee, komm. Schluss jetzt.

Kamikaze

Die Poesie in meinem Kopf steht Kopf. Knallt gegen gepolsterte Hirnwände. Quetscht und prellt. Ist am Ende und ich kann mir keinen Reim darauf machen. Anna sagt das ist eine Phase. Mach dir keinen Kopf Kamikaze. Sagt es ganz sanft aber ich schnurre nicht. Mein Nackenfell sträubt sich. Anna sagt lass uns ausgehen.

IMG_1346Unsere knallroten Nägel krallen sich in die Facetten von echtem Kristall. Die Bar aus lackiertem Mahagoni wirft uns unser Lachen zurück. Unsere blutroten Lippen schmieren über den geschliffenen Salzrand. Unsere schwarzgeränderten Blicke saugen sich am Anblick des Keepers fest. Ein attraktiver Mann schüttelt alkoholische Getränke, füllt sie anmutig in anspruchsvolle Gefäße dichten wir. Das ist keine Poesie sage ich, das ist Papperlapapp. Das alles ist Ablenkung. Ich gehe mir mal kurz die Nase pudern.

Die erste Tür ist tiefschwarz. Sie führt zu einer zweiten schwarzen Tür. Ein kleiner Flur mit weiteren schwarzen Türen. Ist das jetzt ein Traum oder was. Einer dieser bescheuerten Türträume die zu nichts führen. Ich komme heute nicht nach Hause Anna. Muss in das Labyrinth und ein wenig umherirren. Bis mich die Panik packt. Aber das ist auch nur so ein Spruch. Genau EIN Mal in meinem Leben hatte ich Panik. Das war auf einem Berg. Beim Runterkraxeln und Fastabstürzen. Das hier zwischen den Türen zur Toilette ist keine typische Paniksituation. Reiß mich zusammen. Klingt paradox. Klappt aber.

Okay, ganz langsam drücke ich die Klinke. Spähe und werde geblendet von schwarzweißem Schein. Eigentlich sind es Blumen, schwarze große Blüten auf weißen Grund. Pop. Siebziger Retro. Auf Nuller gemacht. Trotzdem psychedelisch bei näherer Betrachtung. Ganz nah dran mit der Nase rieche ich einen Geruch. Nee, nicht Tapete. Irgendwie süß. Verwesung. Also wirklich.

kamikazeWieviel Zeit ist vergangen. Da sind Spiegel an der Wand. Ich schaue hinein und sehe mich. Das ist gut. Ich bin in diesem Raum und das mit der Zeit ist sowieso relativ. Ich könnte mit meinem Abbild sprechen und ihm erzählen wie durcheinander ich bin. Der Spiegel also die Andere sagt geh da durch. Das nächste Zimmer ist rot. Soll ich jetzt die Farbe deuten oder was. Ist das ein Test. Wo ist die Kamera. Meine Augen scannen die Oberflächen und können nichts sehen. Nur rot. Rot ist meine Lieblingsfarbe.

Obwohl rot meine liebste Farbe ist habe ich keinen roten Raum zu Hause. Eine dunkelrote Coach, ein rubinroter Läufer, ein rosarotes Bett. Rote Klamotten, Keramik und Kissen. Aber kein roter Raum. Hier ist er. Er hat genau die Wirkung die ich vermutete nämlich es ist wie im Innern eines Organs. Nichts für mich. Ich will Aussicht. Weite. Rote Sonne am Horizont reicht. Roter Raum ist Ort des Todes. Das stand gestern in einem Fimintro. Horrorfilm. Go. Genug geschwafelt.

Anna hat Spaß. Um sie herum eine Traube von neuen Leuten. Wie lange war ich fort. Im Glas sprudelt es noch. Zwei Augenzwinkern und ich bin wieder drin.

cruel nature II

pfeifenblume

Anna schreit es regnet Schildkröten. Kleine handtellergroße blutige Klumpen klatschen vor ihre Füße. Entsetzt sieht sie nach oben, ihr erstarrter Schritt auf grausigem Pflaster weiß nicht wohin. Platsch! Schon wieder ein zerfetztes Krötengeschoss mit gebrochenem Panzer. Ein heiserer Schrei aus ihrer Kehle. Oben hört sie Krähen krächzen, schwarz hüpfen sie auf den Dachpfannen herum, jonglieren mit ihrer Beute aus dem seichten Teich, werfen sie auf den Asphalt wie sie es mit Walnüssen tun um ihre Schale zu knacken. Dann picken sie das Weiche heraus. Anna steht wie eine Vogelscheuche im Gemetzel und telefoniert. Mit mir. Soll ich die Feuerwehr anrufen. Gibt es keine Parkwacht. Doch und schon fängt sie an zu kreischen dass es mir im Ohr fiept und ich stelle sie mir vor, wie sie mit ihrem schicken Kostüm und ihrer Tasche im Ellenbogen mitten auf dem Platz steht, wild mit den Armen fuchtelt während um sie herum kleine Wasserschildkröten zu Tode stürzen und schwarzes Gefieder flattert.

Später sitzen wir im Parkcafé. Anna kippt nach anachronistischer Damenart einen französischen Cognac für den Schock und ich ihre Freundin trinke mit. Es stimmt. Sie spinnt nicht. Tatsächlich haben die Krähen die teuer nachgekauften Schildkrötenbabies aus dem Teich gefischt und nach alter Manier vom Schlossdach geschleudert. Man sagt sie tun das auch mit neugeborenen Lämmern, wenn der Schäfer oder sein Hund nicht auf der Hut sind. Hier hat niemand damit gerechnet, dass die Raben kommen und die Kröten rauben. Auch der Parkwächter nicht. Die Vögel sind nicht wahnsinnig nur hungrig. Er muss den Dreck wegmachen, weint vor Wut und gleichzeitig würgt Trauer seinen Hals. Die zersplitterten Panzer vergräbt er tief in der Erde.

16,5 Grad

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Das Wasser ist eigentlich Eis. Flüssiges Eis, das mich mit jedem Sprung der Unsterblichkeit näher bringt. Ich springe so lange bis ich meine Fingerspitzen nicht mehr fühle. Sie sehen weiß und leblos aus. Im Internet habe ich gelesen, dass extrem kalte Temperaturen den Tod aufhalten können. Für immer. Über die Dosierung wird sich die Wissenschaft noch eine Weile streiten, da bin ich sicher. Mein Gehirn fragt mich warum ich ihm das antue, also erstens den Gedanken an ein endlos langes Leben und zweitens diese bescheuerten Kälteschocks in klirrend kaltes Wasser an einem Tag wie diesem. Ich bin schon immer gerne in kaltes Wasser gesprungen, in Gletscherseen in den Bergen, in graues Schmelzwasser und nicht zu vergessen die Sprünge im übertragenen Sinne, die eisige Stille nach sich zogen gefolgt von sehr langsamer Erwärmung. Die Begeisterung über das Überleben der Bewegung überdecken die Bedenken, dass der Sprung auch genau das Gegenteil von dem bedeuten könnte was erstrebenswert erscheint. Ein langes und erfülltes Leben.

Der Bademeister schlendert in seinen weißblauen Schlappen vorbei und sagt das Wasser hat 16,5 Grad. Ich nicke begeistert. Er meint eigentlich ist gar kein Schwimmbadwetter und wir schließen jetzt. Ich blicke auf den einsamen Pool. Stimmt. Ist sonst niemand hier. Ich kann in seinen Augen lesen dass er mich vielleicht für einen Pinguin hält. Von meinem Körper perlen Tropfen ab und fallen auf die Kacheln. Er hat einen Köder mit, den schwenkt er jetzt vor meinem Gesicht herum, denn er kennt natürlich die Pinguine, Eistaucher und die anderen seltsamen Vögel der Saison. Ich schlucke ihn, werfe mir mein Handtuch über und sage ok bis Morgen.