Der Nachmittag flimmert in den Abend. Wir atmen Mückenschwärme ein, verscheuchen wilde Wespen, sehen Kakerlaken am Hausputz knabbern und Fliegen fliegen. Das faulige Obst tropft süß auf den Boden. Der Spätsommer kocht saftige Suppe und presst das Leben aus den Leibern. Wir lecken es auf. Ein Überfluss an Süßem. Das Zuviel an Zucker, das sich in Fett wandelt für den Winter. Fette Welt.
Auf der anderen Straßenseite magere Welt. Dürre im Vorgarten. Gibt es hier kein Wasser oder wer kümmert sich eigentlich? Habe ich einen Garten, dann muss ich auch gießen. Ein Zettel im Briefkasten von der besorgten Nachbarschaft. Worum sorgt sie sich? Dass die Dürre doof aussieht oder dass ein Mangel herrscht? Zwischen den Zeilen ist das Doofe. Es ist doch nur ein Vorgarten, ein Stück Land an der Straße. Der richtige Garten ist hinten mit Tomaten, Stangenbohnen und Zwiebeln. Die werden gegossen und gegessen. Von einer Familie, die sich nicht um den Vorgarten oder um ihr Ansehen schert. Aber arglos ist hier niemand. Immer liegt etwas Uneinschätzbares, tendenziell Bedrohliches in der Luft.
Unsere zwei Welten werden nur von einer Straße getrennt. Wir winken manchmal hinüber, aber nie winkt jemand zurück. Wir blicken mit dem, sie gegen das Licht. Vielleicht sehen sie uns gar nicht. Wir winken nicht aus niedrigen Beweggründen oder unseres Gewissens wegen. Wir wollen auch kein Gemüse. Unser Winken ist nur eine Kontaktaufnahme. Oder ein Abstandhalten. So könnte man das auch sehen. Winken wie die Queen.
Schon morgens ist es heiß. Die Luft steht wo sie gestern stand. An meinem Schreibtisch. Erst schaut sie mir über die Schultern, dann legt sie sich schwer darauf. Hinter mir ist Alaska, der Ventilator. Alaska verspricht eine kühle Brise, aber das ist nur eine Assoziation. In Wirklichkeit wirbelt er warmen Wind umher und ein paar lose Blätter Papier.
Im Raum ist ein surrender Ton. Klingen so die Bienenwiesen in Alaska? Ein junger Forscher hat vier Jahre lang die Geräusche der Wildnis aufgenommen, ein Biologe mit Bart. Er präsentiert die Geräusche wie ein Geschenk. Es sind Insekten, Vögel und Bären zu hören. Die Bären kratzen am getarnten Mikrofon und sabbern es voll. Ein lustiges Scharren und Schlecken. So klingt die Natur, sagt der Forscher. In seinen Augen blitzt ein Schalk, denn er weiß natürlich, dass es in der freien Wildbahn normalerweise keine Mikrofone gibt. Also stimmt dann seine These, dass die Aufnahmen so sind als wären keine Menschen anwesend? Geben alle, die da normalerweise über die Wiese gehen, völlig unbefangen ihre Geräusche von sich? Der Forscher nickt. Er sagt, das Mikrofon ist wie ein Busch. Außer dass es Laute aufzeichnet.
Mit letzter Gewissheit könne man natürlich nicht sagen, ob die Anwesenheit eines Mikros für die Geräuschemacher so ist als wäre es nicht da. Für den Wind trifft das zum Beispiel nicht zu. Der bricht sich am Gerät und pfeift. In freier Fahrt würde er wahrscheinlich ganz anders klingen. Oder gar nicht. Oder nicht für menschliche Ohren wahrnehmbar. Oder nicht mit menschlicher Technik aufnehmbar.
Der Biologe streicht nervös seinen Bart. Das sind einige thesenfeindliche Umstände, die eventuell seine Doktorarbeit gefährden könnten. Vielleicht sollt er den Titel ändern. Die vier Jahre Geräusche will er nicht in den Wind schreiben. Ausgerechnet der Wind. Damit hat er nicht gerechnet. Ein Tier schon, weil es da um Intelligenz, Aufmerksamkeit und Neugier geht – aber der Wind?
Jetzt am Nachmittag habe ich mich an die Hitze gewöhnt. Alaska ist heißgelaufen und ich stelle ihn ab. Endlich Ruhe.
Lange habe ich über den Leichtsinn gelacht. Ihn nicht ernst genommen. Seine pfauenartige Präsenz ignoriert. Ihn spöttisch Leander Leichtsinn genannt.
Und was macht er? Bedankt sich für diesen albernen Namen. Verbeugt sich eitel, zieht sich in einen Winkel zurück und wartet auf seinen nächsten Einsatz. Ich frage mich, von wem er den Befehl erhält. Wahrscheinlich von meinem Gehirn, entweder auf Diva- oder auf Stromsparmodus.
Die Diva lässt Leander freies Geleit. Im Galopp lässt er die Gefahr links liegen. Ist nur auf Gewinnen gepolt. Plustert sich auf und wirft die Federboa um seinen Gockelhals, wenn wieder einmal alles gut gegangen ist.
Im Stromspar vergisst er einfach zu denken. Hat keine Power für potentielle Patscher. Im Endeffekt geben sich Diva und Stromspar die Hand und grinsen unverschämt.
Leichtsinn ist nicht der Mangel an Logik. Leichtsinn ist schneller und ohne Kummer. Schwerelos für einen kurzen Moment, in dem alles andere möglich ist – ein Sturz, ein Fall, ein Tod. Der flüchtige* Augenblick, in dem der Leichtsinn das Zögern verhindert und den Sinn in einen Hauch von Nichts hüllt. So schwebt er als Schwert, wie manche sagen. Ich habe dieses Schwert noch nie gesehen.
Mit Leichtsinn fordere ich das Leben heraus, mache es kurzweilig, luftig und liebenswert. Wer will schon ein langes Leben? Leander lacht, als ich das sage.
*Dieser Beitrag ist Teil der Ausstellung “flüchtig” im Pumpwerk Siegburg vom 13.8.-23.9.2016
Ein Dankeschön an tikerscherk für die freundliche Nominierung zum Liebster Award –
ich habe die Fragen in den Ferien neu gemischt und mir einige herausgepickt. Mögen die Antworten ein helles Licht auf mich werfen oder zu Brotkrumen werden, von Möwen gefressen.
11 Fragen
Meine Liebsten im Leben?
Was möchte ich sein?
Wo möchte ich leben?
Was ist für mich das vollkommene irdische Glück?
Was ist für mich das größte Unglück?
Welche Eigenschaften schätze ich bei einer Frau am meisten?
Meine wichtigste Lehrmeisterin?
Welche Eigenschaften schätze ich bei einem Mann am meisten?
Welche Fehler entschuldige ich am ehesten?
Welche Erfindung bewundere ich am meisten?
Welche natürliche Gabe möchte ich besitzen?
1. Die Liebsten?
Meine Liebe geht zu Rot, Stockrosen, Schildkröten, Wölfen, Karen Duve und Elfriede Jelinek, Der Herr der Ringe, Matrix, Langstreckenlauf, Mars, Käsekuchen, Aprikosen, Spinat und Walnüssen.
2. Was möchte ich sein?
Im Film „The Lobster“ (empfehlenswert) dürfen Menschen, die innerhalb einer kurzen Frist keinen Partner finden, sich wünschen, in welches Tier sie dann verwandelt werden möchten. Die meisten Menschen sagen „Hund“; das erklärt, warum es bei uns so viele Hunde gibt. Ich selbst würde “Schildkröte” sagen.
3. Wo möchte ich leben?
In einem freien Land möchte ich leben, also in Illusorien.
4. Was ist für mich das vollkommene irdische Glück?
Klitzekleine irdische Wonnemomente, Perlen im Alltag, ein Lächeln, ein offener Blick.
5. Was ist für mich das größte Unglück?
Das Unglück der anderen ist stets größer als meines und kommt mit Verzweiflung, Verletzung, Elend und Einsamkeit. „Nie kommt das Unglück ohne sein Gefolge.“ Heinrich Heine. Will ich mir mein größtes Unglück vorstellen? Nein.
6. Welche Eigenschaften schätze ich bei einer Frau am meisten?
Autonomie.
7. Meine wichtigste Lehrmeisterin?
Meine Tante Jenny in Sachen Pflanzenbestimmung, meine Mutter in der Tradition des Backens und des Gemüseanbaus, Simone de Beauvoir im Bereich Verortung im System und Albert Einstein für den relativen Blick ins Universum.
8. Welche Eigenschaften schätze ich bei einem Mann am meisten?
Mut
9. Welche Fehler entschuldige ich am ehesten?
Mittlerweile alle. Fehler sind eine Erfindung von Macht, um Sandkörner aus dem System zu sieben.
10. Welche Erfindung bewundere ich am meisten?
Die Erfindung von Geld.
11. Welche natürliche Gabe möchte ich besitzen?
Fliegen wäre schön, obwohl das in manchen Träumen schon gelingt. Natürlich wäre auch die Gabe der Genügsamkeit ein Geschenk … an ihrer Ausprägung kann ich vielleicht zusammen mit Geduld, Gelassenheit und Demut noch arbeiten.
Ich nominiere die folgenden von mir geschätzten Bloggerinnen und Blogger. Meine 11 Fragen gebe ich an euch weiter.
Das Zauberwort heißtEpigenetikund ist eigentlich ein Fluch … finde ich, die ich froh durchs Leben gehe und an den Anachronismus glaube, dass mein Genom sich zu meinen Lebzeiten nicht ändert. Es ändert sich sehr wohl und so kann mein Trauma in das meiner Tochter schlüpfen und dort weiter wüten ohne dass sie weiß, was eigentlich los ist. Mein Trauma ist das Trauma meiner Mutter und bahnt sich weiter seine Spur.
Aus früheren Gefechten sind tiefe Gräben in den Genen. Es ist eine Geschichte von vor dem Krieg Geflohener. Flüchtlinge. Vertriebene. Heimatlose auf den Straßen, dann in Lagern und Heimen. Kinder mit geschorenen Haaren, auch Mädchen wie meine Mutter. Läuse. Kälte. Erschöpfung. Das grausame Lachen der Leute, die eine andere Sprache sprechen.
Epigenetische Erkenntnisse stammen aus Experimenten mit Mäusen. Man hat die Muttermäuse traumatisiert und beobachtet, wie ihre Jungen trübe in der Ecke bleiben. Man hat die Elternmäuse gemästet und bemerkt, dass die Mäusekinder mollig sind, auch wenn sie gar nicht mit ihren Eltern aufwachsen.
Bevor ich verstehe, dass mein Muster ein Vermächtnis ist, schnitze ich es weiter. Wie werde ich das Messer los? Wann wiegt mein Leben ein einschneidendes Erlebnis auf, das ich gar nicht selbst erlebt habe? Das unter dem Deckmäntelchen sitzt? Scheint mir ein schwieriges Unterfangen zu sein. Jeden Tag schicke ich die, die sich zuerst bei mir melden, wieder weg. Scham. Häme. Wut. Schwäche. Halte Ausschau nach Mut, Heiterkeit und Zuversicht. Es muss einen Unterschied geben zwischen mir und der Maus.
Also gebe ich mein Bestes. Bleibe nicht in der Ecke. Wehre mich gegen die Bürde. Laufe mich schlank und aktiviere Antimaterie. Andere sind im Moment die Flüchtigen. Fluchträger. Sie brauchen ganze Wagenladungen voll Glück, Güte und guter Nachbarschaft. Wie epigenetischer Widerstand aufgebaut wird, wurde an Mäusen noch nicht ausprobiert…
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