Jane

Im Life-Lab unterhalte ich mich mit einer Roboterin, die sieht gut aus und versteht es, ganz auf meine kognitiven Bedürfnisse einzugehen. Das ist schon ein Wenig mehr als zurzeit im Film HER, wo es nur eine Stimme in einem Mobiltelefon gibt. Hier im Life-Lab habe ich einen Körper, okay aus Metall, aber individuell. Was weiß denn ich, was andere so genannte Menschen unter ihren Klamotten tragen. Die Roboterin hat keinen Namen und deshalb nenne ich sie Jane.

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Ich frage Jane, ob sie mir die neuesten neurolinguistischen Erkenntnisse rüberspulen, äh transferieren kann, so fastfoodmäßig, dass ich sie gleich verstehen, anwenden und den Rest mitnehmen kann. Über den Booter stellt Jane meinen Statuts quo in diesem Themenbereich fest und verabreicht mir dann das passende Update. Das ist so cool. Ich brauche nicht mehr endlos googlen und Fachzeitschriften lesen, sondern habe eine „Bekannte“, die mich bei einem rostfreien Kaffee auf den neuesten Stand bringt. Als Gegenleistung erzähle ich ihr meinen letztnächtlichen Traum. Jane fährt voll auf das Irrationale ab, das kann sie nämlich nicht und schlafen tut sie natürlich auch nicht. Obwohl, wer weiß schon was im Aus-Modus in so einer Maschine alles passiert.

 

 

Monk

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Als eine, die nur peripher mal Jazz hört, dann aber immer wieder überrascht ist, hat mich gestern ein Piano begeistert. Stücke von Thelonious Sphere Monk begleitet von einer Lesung aus Geoff Dyers Buch „but beautiful“ über Monk. Normalerweise hat das literarische Werk die Hauptrolle, aber hier ist es andersherum: Der sanfte und dennoch mächtige Flow aus Dyers wunderbar komponierten Worten bietet ehrfürchtig die Bühne für Monks Musik. Die Dissonanzen harmonieren mit der geschmeidigen Huldigung an eine Exzentrik, die anfangs von originellen Outfits und eigenwilligen Performances ihren Ausdruck findet, später in einer Abkehr von Allem mündet. So wie Monk gut ohne Text auskommt, bräuchte Dyer die Musik nicht. Aber ohne die Musik wäre der Text nicht entstanden und das literarische Bild schafft einen dreidimensionalen Körper. Ich höre, sehe und rieche Monk. Und spüre, wie das Klavier ein Teil von ihm ist, ein Organ, eine Stimme, eine Seele.

Guadeloupe 2B

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Die Welt ist nicht bunt, sie sieht nur so aus. Eigentlich gibt es ja kein farbiges Licht und Farbe ist ein genuin psychologisches Phänomen. Das könnte bedeuten, dass alle Leute, die nicht auf der gleichen Wellenlänge sind auch die Farben anders wahrnehmen. Hier im Baumarkt spielt das keine Rolle und ich bin ja in guter Gesellschaft. Wir lassen also den externen Reiz, die Palette aus Breeze, Platin Blue, Hibiskus und Velvet auf uns wirken und geraten nach kurzer Zeit in einen Rausch der Sinne. Denn hier gibt es diese wunderbaren Farbtafeln von Jette Joop und anderen Baumarktdesignern, die den Farben so freundliche Namen geben, dass wir sie am liebsten gleich alle mitnehmen und auf die Wände pinseln würden. Sogar der Farbton Rain ist umwerfend, nicht einfach grau und wasserweiß, nein, irgendwie schimmernd, erfrischend und wohltuend wie ein Sommerregen auf dem Land. Das Problem ist jetzt, dass wir uns nicht entscheiden können, sondern wie alle anderen die kleinformatigen Farbtafeln mit nach Hause nehmen. Dort fächern wir sie auf den Tisch, auf den Boden und auf das Bett und kommen uns brutal vor, wenn wir einen Ton ausschließen, obwohl er eine famose Bezeichnung hat: Guadeloupe 2B zum Beispiel.

neurotypisch

ImageWenn Blicke töten könnten wäre ich jetzt wahrscheinlich schon six feet under. Als neurotypische Empfängerin von Signalen kann ich die Mordgelüste erkennen. Ich habe selbst schon solche ausgesandt und deshalb weiß ich sowohl darüber Bescheid, wie ich ihnen begegnen kann als auch wie ich sie verarbeiten kann. Ein ganzer Schwarm von Synapsen wird aktiviert, um mir mögliche Verhaltensweisen zur Verfügung zu stellen. Erstaunlicherweise amüsieren mich solche Situationen. Sie sind selten, zugegeben, und sie finden oft in Beziehungen statt, da wo sie gar nicht hingehören, wenn sie überhaupt irgendwo hingehören außer nach Hollywood. Aber selbst in diesen einsamen spannungsgeladenen Augenblicken bewege ich mich nicht neurountypisch. Denn ich weiß, dass zwischen meinem Blick und mir eine ganz besondere informationelle Signifikanz steckt, die ich zwar manchmal lieber besser unter Kontrolle hätte, aber das ist ein anderes Problem.

Langzeitexperiment

ImageDad ist 77. Trotz seiner ansehnlichen Sammlung von hochprozentig verbranntem Obst gibt es keine Party. Die in erster und zweiter Blutlinie Geborenen scharren mit den Hufen, manche sind Hörnertiere wie er, die meisten sind Fische, die schlagen Wellen mit ihren Flossen. Alle anderen boxen in die Luft. Nix zu machen. Also öffnen wir den Schampus auf mich, dreimal 17, auch nicht schlecht. Die Gruppenfotos im Garten sehen irgendwie schräg aus. Das liegt daran, dass mein einer Neffe und seine Freundin, 17, mit dem keltischen Namen Gwenni alle davon überzeugen wollen, dass wir Teil eines Langzeitexperiments von Aliens sind. Weil sonst würde der ganze Quatsch hier gar keinen Sinn machen. Während wir das also in Sektlaune diskutieren fällt mir ein, meine Tochter und ihre Freundin sind demnächst dreimal 7  und werden wie es sich gehört gigantisch feiern.