Ausweg

ausweg1

Eine Frau aus dem Ort erlebt eine Enttäuschung und geht dieses Mal fast an ihr zugrunde. Was genau passiert ist weiß sie nicht, weil sie den Faden zur Realität verliert und sich Dinge einredet. Es ist keine Projektion, sondern Irrglaube. Nicht im religiösen Sinne, sondern im metaphysischen, also der Glaube an die Wahrscheinlichkeit wie Geschehnisse voneinander abhängen und was dann wirklich geschieht. Es gibt keine einzige authentische Person in diesem Drama, alle sind verfremdet, damit sie Dinge so dichten oder weglassen kann, dass es ein spannendes Drama wird. Die Geschichte hätte sich genau so zutragen können. Alle die sie gut kennen, wissen sowieso Bescheid und stellen andere Zusammenhänge her als diese Frau. Die Fiktion in ihrem Kopf funktioniert nun einmal so. Trotzdem ist die Häufung von Enttäuschung schwer zu verkraften.

IMG_2422Sie selbst könnte sich unentwegt ans Bein pinkeln, ans Schienbein treten oder sich ohrfeigen – aber sie hat eine andere Lösung für ihr Seelenheil gefunden. Das ist auch wieder weniger religiös gemeint als es klingt, auch wenn das jetzt noch getoppt wird durch die Offenbarung, dass sie Erlösung auf einem Weg findet, der jahrhundertelang als Kreuzweg in Nachahmung des Heilands Leiden seine Kurven bergan führt – der Petersberger Bittweg. Der religiöse Kontext des Bittwegs spielt keine Rolle. Höchstens im Sinne von persönlicher Interpretation und der Tatsache, dass die Frau schon irgendwie glaubt, das Büßen und Bitten auf diesem Weg hat eventuell einige unsichtbare Spuren hinterlassen.

Der Weg eignet sich deshalb so gut für einen Krisenüberwindungsprozess, weil er steil ist. Enorm steil. Schweißtreibend steil. So steil wie man es im Siebengebirge nicht unbedingt erwarten würde. Viele, die eher an Märchen glauben sagen der Bittweg ist verwunschen. Einerlei, wie oft sie auf und ab läuft, sie findet ihn genauso faszinierend wie am ersten Tag. Sie hat sich in ihn verliebt. Leider ist er nur ein Weg oder vielleicht auch gut so. Er verändert sich nicht. Er bleibt wie er ist und wird weiterhin der sein, der er schon immer war. Der Ausweg. Der Weg aus der Krise. Das hofft und daran glaubt sie.

Grün und Rot

rotgrün

Ein klarer Abend. Jedes Blatt eine kurvige Kante, der Grashalm ein scharfes Schwert. Auf der Bank, schneidend weiß gestrichen, liegen einige Körner Sand. Sie setzt sich. Leise knirschen die Kiesel unter ihr, weiß wie die Bank. Dann bewegt sie sich nicht mehr und es ist still. Als hätte die Atmosphäre heute keine Klänge bereit. Nicht einmal ein Rauschen oder ein Plätschern. Nur Ruhe und fernes Flattern von Schmetterlingsflügeln. Sie denkt gut dass Denken lautlos geht. Denn sonst wäre hier ein Aufruhr, eine Störung, die sogar sie selbst von der Bank treiben würde. Aber sonst ist niemand hier. Sie ist allein mit ihren Gedanken. Versucht eine Ordnung herzustellen. Dabei lächelt sie. Und zittert. Erinnert sich an die Berührung. Sich daran zu erinnern löst eine Welle aus. Fast sichtbar zwischen den geschnittenen Rosen. Sie bricht sich an den Stauden und läuft über dem Rasen aus. Das satte Grün beruhigt sie. Ihre Augen saugen. Grün vom Gras und Rot von den Rosen. Dieses Mal will sie sich Zeit lassen. Nicht so schnell Grün und Rot mischen zu einem unscheinbaren Gemisch. Sich auf Konturen konzentrieren. Kleinigkeiten wahrnehmen und keine Klötze werfen. Dieser Park und dieser Abend sind wie eine Lupe, eine Verlangsamung der Zeit. Sie freut sich. Darauf dass sich alles wieder beschleunigt.

Pflanzen filmen

 Noch lieber als Tiere filme ich Pflanzen. Sie haben den Vorteil, dass sie nicht weglaufen, herumzappeln, beißen oder stechen, wenn man sich ihnen nähert.

Auch seltene Pflanzengesellschaften sind mittlerweile daran gewöhnt, dass man sie vor die Linse nimmt. Meistens von der Fotografie. Ich liebe diese Bilder.

Für den Film haben Blumen, Bäume und das gängige Grünzeug allerdings den Nachteil, dass sie oft zu groß sind oder zu unbewegt. Wer will schon einen Film von einem Kaktus machen/sehen, der bewegungslos in der Wüste steht. Nicht einmal Zeitrafferaufnahmen können da viel rausholen. Ein wenig wechselnde Helligkeit weil sich der Sonnenstand verändert, das ist alles. In der heimischen Flora sind es Koniferen, die kein Flair haben, außerdem riechen sie unangenehm und ich will schnell weiter, bevor mich der Duft von Friedhof umweht.

Pflanzen verändern in der Regel nicht ihre Position, ich kann sie nicht stellen, ins rechte Licht zum Beispiel. Das mit dem Fluchtpunkt ist auch nicht so einfach. Sie machen keine lustigen Dinge wie herumtollen oder summen. Ich muss sie nehmen wie sie sind, wenn ich nicht ewig darauf warten will, dass der Wind von der anderen Seite kommt oder sich endlich der Himmel klärt. Passionierte Filmerinnen machen das. Sie sitzen in der Hecke und warten auf Regen, weil die Tropfen zwischen 18 und 18.45 Uhr das Licht auf optimal prismatische Weise spiegeln. Da sind dann kleine Regenbogen, Sternenglanz- und Sonneneruptionsminiaturen auf dem Film. Dafür lohnt es sich. Da ist nichts manipuliert. Alles natürliche Tricks. Geschulte Guckerinnen wissen das, taggen mit #allnatural und drücken gefällt mir.

Supernova

flash

Ich beobachte den Nachthimmel und folge Dark Sky Bloggern auf der Suche nach Supernovae. Im Sommer schlafe ich suboptimal unter den rotierenden Sternbildern. Sehe meistens nur Satelliten. Würde sich das Restlicht einer längst vergangenen Explosion nähern würden mich die Richtigen informieren, die Himmelskundigen, Astronomen, Nachteulen. Populäre Phänomene interessieren mich. Was aber wirklich turnt ist die Wiederholung, der Zyklus, die Endlosschleife. Sie sind nur scheinbar harmlos und haben den gleichen Effekt wie die Sensation. Sie folgen dem Grundprinzip der Entropie und dehnen sich immer weiter aus. Denken wir also wir nähern uns stimmt genau das Gegenteil. Wir entfernen uns. Voneinander. Je länger desto fremder. Glänzend. Glatt. Galaktisch.

Meine Wechselwirkung mit der Welt ist eine körperliche, elementar und aufreibend. Meine Füße im Sand von Wasser umspült mein Kopf in den Wolken unter dem Kosmos. Was für ein Wirbel. Was für ein Klischee. Zusammenhänge wo der Zufall regiert. Sinn wo keiner ist. Theorie, unbewiesen. Ein Modell für die Liebe. Ohne Beweis, einfach da. Großartig. Supersymmetrisch. Physikalische Freiheit, die über die vierdimensionale Raumzeit hinausgeht. Energie, dunkel und voller Schub. Formvollendet. Materie vom Feinsten. Supernova.

Nichts tun

nixtun

Meine Lieblingshelden tun nichts. Die meiste Zeit sitzen sie während sie verrinnt ohne Antihelden zu werden. Sie konzentrieren sich entweder auf den einen Moment, in dem ihre Tat eine Rolle spielt oder sie hängen stilvoll herum. Etwa in schicken Anzügen wie in den Jim Jarmusch Filmen. Oder sie kochen sich einfache Nudelgerichte wie in den Haruki Murakami Romanen. Ihre Befindlichkeit erfahren wir über ihren Gesichtsausdruck, ihre Körpersprache und ihren täglichen (Nicht-) Kontakte und sie rangiert in der Regel im schmalen Korridor von greisenhafter Genügsamkeit bis hin zu gähnender Langeweile. Aus der Langeweile gewinnen sie eine fast künstlerische Existenz. Schatten wandern an der Wand, Straßengeräusche dringen in den Raum, Kinderstimmen aus den Nachbarwohnungen. Nichts von dem hat mit dem Heldenleben zu tun. Sie warten auf den richtigen Moment weil sie einen Plan haben in dem der richtige Moment eine wichtige Rolle spielt. Der Plan ist wichtig, er ist sorgfältig ausgedacht und enthält neben den Hauptelementen auch einen Plan B.

Manche Heldengeschichten spielen sich nur in den Köpfen der Helden ab oder ich kann als Rezeptorin nicht erkennen ob sie Fantasie oder Realität sind. Mir ist das sowieso egal, weil ich finde die besten Geschichten finden in unserer Vorstellung (!) statt und die Wirklichkeit gibt es als solche sowieso nicht. Projektion und Interpretation sind immer dabei. Also sitze ich und warte ich. Schaue auf die dunkler werdende Wand. Habe einen Plan im Kopf. Warte auf die Wendung. Mein Kleid ist violett. Meine Schuhspitzen schwarz. Poliert. Glänzend. Später ist es dunkel und ich frage mich ob ich überhaupt eine Heldin bin. Es ist sehr schwer nicht zu tun und sich trotzdem zu konzentrieren. Dies ist schließlich keine Meditation. Nicht in diesen coolen Klamotten. Für dieses Szenario wäre mir ein Ambiente in einer Bar lieber. Allein auf einem Hocker, die Beine übereinandergeschlagen, Eiswürfel im Glas und Loungemusik aus unsichtbaren Boxen. Das klingt gut. Das kriege ich auch in meinem Plan noch unter ohne auf B zu wechseln. Ich schnappe mir meinen Trench und schließe mit einem Lächeln die Haustür hinter mir.